Gilles Rozier

Biographie

Gilles Rozier wurde 1963 in Grenoble geboren. Während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Jerusalem lernte er Hebräisch und Jiddisch und arbeitete zunächst in einer Pariser Kaufhauskette als Einkäufer für Schreibwaren. Die wachsende Begeisterung für die jiddische Sprache führte Gilles Rozier zur Promotion in jiddischer Literatur. Er ist Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris, das die größte jiddische Bibliothek Europas beherbergt.

Gilles Rozier über sich selbst:

Ich wurde 1963 in Grenoble geboren und wohnte in dieser Gegend bis ich siebzehn war. Ein wichtiger Teil meiner Familie lebt bis heute noch dort. Die Tannenwälder, die verschneiten Gipfel sind meine ursprünglichen Landschaften. Wenn ich sie wiedersehe, spüre ich eine Mischung aus Wohlgefühl und Unbehagen, so ist das.

Ich studierte an der ESSEC, einer hervorragend geführten Grande École. Danach leistete ich (damals gab es noch einen Wehrdienst) meinen Zivildienst, in der Form eines Austauschprogramms im diplomatischen Dienst in Jerusalem. Ich war dort Geschäftsführer an einem christlichen Institut für jüdische Studien. Dort lernte ich Hebräisch, dort begann ich Jiddisch zu studieren, das war zwischen 1984 und 1986. Jerusalem ist ein kleiner Teil meiner selbst geworden, eine wahnsinnige Stadt, wo ich mich wahnsinnig wohl fühle. Ich verbringe nicht viel Zeit dort, aber wenn ich dort bin, lebe ich dort.

Als ich aus Jerusalem zurückkehrte, suchte ich Arbeit, fand welche, in einer Bank, und kündigte nach sechs Monaten. Ich arbeitete im Vertrieb der Hachette-Gruppe. Ich verließ Hachette nach sechs Monaten, um in die Verkaufszentrale der Nouvelles Galeries zu wechseln, eine Kaufhauskette, die 1992 von den Galeries Lafayette aufgekauft wurden. Ich war Einkäufer für die Bereiche CD und Video, später dann für Schreibwaren. Das war die Zeit, als ich meine spätere Frau kennen lernte. Sie war die erste, und das war nur eine ihrer zahlreichen Qualitäten, die mir versicherte, dass ich diesen Beruf nicht mein Leben lang ausführen würde. Das war wie eine Sauerstoffflasche, ein frische Brise in einer unerfreulichen Phase meines Lebens.

Während ich in diesen Berufsjahren neben mir her lebte, begeisterte ich mich für die jiddische Sprache, die Sprache meines Großvaters Moyshe, ermordet in Auschwitz, meiner Großmutter Yokhved, gestorben in Paris im Jahre 1942, meines Onkels Simon, meiner Tante Suzanne, die ich gut kannte. Ich besuchte Abendkurse, an der Universität. Zurzeit spreche ich Jiddisch. Ich habe das Deutsche verlernt, um die Sprache von Moyshe zu lernen. Dennoch spreche ich die Sprache von Goethe und Goebbels gut. Mein Großvater väterlicherseits war Deutschlehrer, es ist eine Sprache, die einen wichtigen Platz in unserer Familie einnimmt. Als ich heranwuchs, verbrachte ich einige Zeit bei guten Freunden meines Großvaters, Johannes und Annemie, er war Doktor der Philosophie; sie bewohnten in Kirn an der Nahe ein Haus voller Bücher. Ich erinnere diese Aufenthalte als wirkliche Glücksmomente. Bis zu dem Tag als ein Freund des betagten Doktors, ein alter, heimgekehrter Offizier aus Ostpreußen, auf der Rückreise von Israel seine Bewunderung für dieses Land äußerte, das ihn so sehr an das Dritte Reich erinnerte. Ich glaube, danach bin ich nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt, nur einen Nachmittag, ich war mit meiner Frau an der luxemburgischen Grenze, wir mieteten ein Auto, um Johannes und Annemie zu besuchen. Sie starben ein paar Jahre später, ich hatte an jenem Nachmittag Abschied von ihnen genommen.

Ich habe in jiddischer Literatur promoviert, ich kann in dieser Sprache sogar ein wenig dichten; auf Französisch schreibe ich Romane, in denen die Figuren häufig zwischen diesen beiden Sprachen stehen, zwischen zwei Identitäten, zwischen Wohlgefühl und Unbehagen, selten aufrichtig, nie unbeweglich, hoffe ich zumindest.

Ich bin Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris, das die Bibliothek Medem beherbergt, die größte jiddische Bibliothek Europas. Wenn ich auf der Suche nach jiddischen Büchern bin, bei Privatpersonen, in Bibliotheken, die Kinder von ihren gestorbenen Eltern geerbt haben, Kinder, die diese Sprache nicht mehr lesen können, dann gehe ich dort mit einem Bärenhunger hin, so wie der Erlkönig in Michel Tourniers schönem Roman. Ich bin sehr gerührt, wenn ich Stempel in den Büchern entdecke, von Privatbibliotheken oder Vereinigungen aus allen Ecken und Enden der Welt, Warschau, Danzig, Buenos Aires. Paris, Wien, Bialystok. Bukarest, Berlin, London oder Chicago. Und manchmal sogar aus dem „Französischen Internierungslager Beaune-la-Rolande“.

Ich habe zwei Kinder. Ihnen habe ich mein erstes Buch gewidmet: „Für Simon und Ezra, dass sie sich lieben und es sich sagen.“

Quelle: DuMont

Aktuelles Buch

Roman

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

167 Seiten (gebunden)
DuMont

Erscheinungsdatum: Februar 2004

ISBN: 9783832178680