Marcel Reich-Ranicki

Biographie

Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Wloclawek geboren, einer an der Weichsel gelegenen polnischen Kleinstadt, in deren unmittelbarer Nachbarschaft bis zum Ende des Ersten Weltkrieges die deutsch-russische Grenze verlief. Sein Vater, David Reich, war ein polnischer Jude, seine Mutter, Helene, geborene Auerbach, eine deutsche Jüdin. Die Vorfahren waren väterlicherseits Kaufleute und mütterlicherseits seit Jahrhunderten Rabbiner.
In seiner Geburtsstadt besuchte Reich-Ranicki eine deutsche Volksschule, doch siedelte die Familie 1929 nach Berlin um. Dort war er Schüler zunächst des Werner von Siemens-Gymnasiums in Berlin-Schöneberg und dann des Fichte-Gymnasiums in Berlin-Wilmersdorf. Im Herbst 1938, kurz nach dem Abitur, wurde er verhaftet und nach Polen deportiert.
Er lebte jetzt in Warschau und ab 1940 im Warschauer Getto. In dessen Verwaltung, dem “Judenrat”, wirkte er als Übersetzer. Zugleich war er Mitarbeiter des Getto-Untergrundarchivs (des sogenannten Ringelblum-Archivs) und nahm Anfang 1943 an einer Widerstandsaktion der Jüdischen Kampforganisation (ZOB) teil. Kurz darauf gelang ihm zusammen mit Teofila, geborene Langnas, die er 1942 geheiratet hatte, die Flucht aus dem Getto. Von nun an waren sie in Warschau im Untergrund. Sein 1973 erschienenes Buch Über Ruhestörer-Juden in der deutschen Literatur ist dem Andenken jener gewidmet, “die von Deutschen ermordet wurden, weil sie Juden waren. Zu ihnen gehören mein Vater David Reich, meine Mutter Helene Reich, geb. Auerbach, und mein Bruder Alexander Herbert Reich.”
Nachdem er im September 1944 von der sowjetischen Armee befreit worden war, meldete sich Reich-Ranicki freiwillig zur polnischen Armee. Er wurde der militärischen Postzensur zugeteilt. Wenig später trat er der Kommunistischen Partei Polens bei. 1946 gehörte er der Polnischen Militärmission in Berlin an, 1947 arbeitete er in der Zentrale des polnischen Geheimdienstes (Auslands-Nachrichtendienst) in Warschau und zugleich im Polnischen Außenministerium.
In den Jahren 1948 und 1949 war er Konsul der Republik Polen in London. Im Herbst 1949 bat er aus politischen Gründen um seine Abberufung und kehrte nach Warschau zurück. Er wurde sofort sowohl aus dem Geheimdienst als auch aus dem Auswärtigen Dienst entlassen, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen (offizielle Begründung: “ideologische Fremdheit”), inhaftiert und einige Wochen in einer Einzelzelle gefangengehalten.
Danach wurde ihm jedoch erlaubt, in einem großen Warschauer Verlag ein Lektorat für deutschsprachige Literatur zu gründen und zu leiten. Ende 1951 mußte er die Verlagsarbeit aufgeben und konnte sich jetzt nur noch als freier Schriftsteller betätigen: Als Kritiker befaßte er sich ausschließlich mit der deutschen Literatur der Vergangenheit und der Gegenwart. Anfang 1953 hat das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei weitere Veröffentlichungen von Reich-Ranicki untersagt. Erst während des “Tauwetters”, Ende 1954, wurde dieses gegen ihn gerichtete generelle Publikationsverbot aufgehoben.
Er schrieb Rezensionen und Essays, die in verschiedenen polnischen Zeitungen und Zeitschriften (vor allem in der Monatsschrift Twórczosc und in der Wochenzeitung Nowa Kultura) und gelegentlich auch in DDR-Zeitschriften (so in der Neuen Deutschen Literatur) gedruckt wurden. Überdies verfaßte er ein Buch mit dem Titel Aus der Geschichte der deutschen Literatur (Warschau 1955), eine Monographie über Die Epik der Anna Seghers (Warschau 1957) und kritische Einleitungen oder Vorworte zu Werken von Goethe, Fontane, Storm, Raabe, Heinrich Mann, Hermann Hesse und anderen. Zusammen mit Andrzej Wirth übersetzte er Kafkas Schloß (in der Bühnenfassung von Max Brod) und Friedrich Dürrenmatts Besuch der alten Dame.
Im Sommer 1958 hielt sich Reich-Ranicki zu Studienzwecken in der Bundesrepublik auf und kehrte von dieser Reise nicht mehr nach Polen zurück. Er wohnte mit seiner Familie in Frankfurt am Main und dann, von 1959 bis 1973, in Hamburg. Seitdem lebt er wieder in Frankfurt.
Nachdem er zunächst für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für Die Welt geschrieben hatte, war er von 1960 bis 1973 ständiger Literaturkritiker der Wochenzeitung Die Zeit. Von 1973 bis 1988 leitete er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Redaktion für Literatur und literarisches Leben. Er ist jetzt weiterhin in der F.A.Z. als Kritiker und als Redakteur der Frankfurter Anthologie tätig. Von 1965 bis 1972 war Reich-Ranicki Mitarbeiter der Encyclopedia Britannica; von 1958 bis 1967 gehörte er als Kritiker der Gruppe 47 an. Er war Mitinitiator des Klagenfurter Wettbewerbs um den Ingeborg Bachmann-Preis und von 1977 bis 1986 der Sprecher der Jury dieses Wettbewerbs. Vortragsreisen führten ihn in die USA, nach Kanada, Israel, China, Australien und Neuseeland sowie in zahlreiche europäische Länder. 1968 war er Gastprofessor für deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts an der Washington University in St. Louis (USA) und 1969 am Middlebury College (USA). Von 1971 bis 1975 lehrte er als ständiger Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur an den Universitäten Stockholm und Uppsala. Seit 1974 ist er Honorarprofessor an der Universität Tübingen, in den Jahren 1991/92 bekleidete er die Heinrich Heine-Gastprofessur an der Universität Düsseldorf. Von 1988 bis 2001 leitete er das “Literarische Quartett” des Zweiten Deutschen Fernsehens. Ausstellung der “Sammlung Reich Ranicki. Schriftstellerporträts aus zwei Jahrhunderten” im Buddenbrook-Haus Lübeck und im Jüdischen Museum Frankfurt (2003/04).

Auszeichnungen unter anderem:

Ricarda Huch-Preis (1981)
Thomas Mann-Preis (1987)
Bayerischer Fernsehpreis (1991)
Ludwig-Börne-Preis (1995)
Hessischer Kulturpreis (1999)
Goldene Kamera (2000)
Hölderlin-Preis (2000) und Goethe-Preis (2002).
Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der Universitäten Uppsala (1972), Augsburg (1992), Bamberg (1992), Düsseldorf (1997), Utrecht (2001) und München (2002).

Bibliographie

Ein Jüngling liebt ein Mädchen

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2001

Bewertung:

  • 5.0000/5 Sterne.
Die Literatur, eine Heimat

Die Literatur, eine Heimat

2008

Bewertung:

  • 5.0000/5 Sterne.

Aktuelles Buch

Die Literatur, eine Heimat

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von Marcel Reich-Ranicki

Bewertung von 1 Rezensenten:

  • 5.0000/5 Sterne.

Erinnerungen

240 Seiten (gebunden)
DVA

Erscheinungsdatum: 01.09.2008

ISBN: 9783421043801