Über kurz oder lang

von

Erinnerungen

144 Seiten (gebunden)
Wagenbach

Erscheinungsdatum: 28.08.2008

ISBN: 9783803112576

Rezension von

Verfasst am: 22.11.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Zeitdokument einer ungewöhnlichen Ehe.

Schon das Titelbild zeigt ein ungewöhnliches Paar: sie ist groß und schlank, er dagegen sieht klein und hässlich neben ihr aus. Sie nennt ihn Froschkönig!

Catherine Fried kommt 1965 als junge Frau nach Wien, wo sie Erich Fried, dem damals schon recht bekannten jüdischen Dichter, Essayisten und Übersetzer, vorgestellt wird. Er ist ein untersetzter, dicklicher und unansehnlicher Mann. Erich Fried ist in Gedanken, redet mit seinem Freund Georg Eisler über Politik und nimmt kaum Notiz von der jungen Dame. Dennoch hat er sie aus den Augenwinkeln wahrgenommen. In London, wo sie sich wieder sehen, beginnt Mitte der sechziger Jahre zwischen den beiden eine einmalige und gewiss auch eine der aufregendsten Beziehungen in Künstlerkreisen. Catherine Boswell ist 29 Jahre alt, Erich Fried ist 15 Jahre älter und hat bereits zwei Ehen hinter sich.

Catherine schildert mit innerer Distanz und ausgeprägtem Sinn für die skurrilen Eigenheiten ihres zukünftigen Ehemannes ihr beginnendes Zusammenleben. Er wirbt unverdrossen um sie, und sie lässt sich endlich 1965 auf eine Ehe ein, die nur mit einem hohen Maß an Toleranz zu bewältigen ist. Sie bekommen zu den drei schon vorhandenen Kindern aus seinen verflossenen Ehen, die teilweise auch bei ihnen wohnen, noch drei weitere Kinder. An den Kindern hängt Fried närrisch, und auch seine ehemaligen Frauen gehören zum Tross der Menschen, die sein Leben und seine Häuser bevölkern. Die 68 ziger Jahre mit den revolutionären politischen Entwürfen zur gesellschaftlichen Veränderung hielten ausdrücklich auch in ihrem Hause Einzug. So finden sich immer häufiger Gäste und auch Schmarotzer bei dem Paar ein. Mit humorvollen Einlässen werden die diversen Umzüge beschrieben, die Großzügigkeit von E. Fried und seine ganz und gar eigenwillige Auffassung vom Zusammenleben. Sammelstücke von Möbeln aller Art, die altmodische Schreibmaschine, derer er sich bis zuletzt bedient, und viele lustige Einzelheiten kennzeichnen eine Ehe, die gewiss zu den originellsten gehört, von denen man je gelesen hat. Zur Ernsthaftigkeit der Erinnerungen an Erich Fried gehört das Eingeständnis, dass das Leben mit dem chaotischen und geselligen Mann nicht nur einfach war. Es gab Krisen, die an den Grundfesten der Ehe rüttelten.
Catherine erzählt von den vielen Freunden, seinem Schreiben, seinen Versuchen als Schauspieler und seiner eigenwilligen und intensiven Lebensform. Dabei erscheint Catherine selber als eine äußerst geistreiche, mit Witz und Humor begabte Künstlerin. Souverän wird sie mit vielen Schwierigkeiten fertig, und man meint bei ihren Schilderungen gelegentlich ein inneres Lachen zu hören. Es war gewiss nicht leicht für Catherine, aus dem Schatten ihres Mannes zu treten. Zuerst nur Hausfrau und Fürsorgerin für den anspruchsvollen Mann trat sie später als erfolgreiche Malerin, Zeichnerin und Bildhauerin in Erscheinung. Ihre Darstellung des gemeinsamen Lebens mit Erich Fried ist eine Hommage an den Dichter. Zugleich beweist die Autorin, dass sie mit Sinn für Komik und für das Absurde im Charakter Erich Frieds seine Vitalität und Kreativität zu schätzen und zu würdigen wusste.

Das Buch ist ein höchst amüsantes und persönliches Zeitdokument und Künstlerporträt!

Migliedermeinung

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