Evdokija

von

Erzählung

Aus dem Russischen von Peter Urban

32 Seiten (broschiert)
Friedenauer Presse

Erscheinungsdatum: 01.10.2008

ISBN: 9783932109577

Rezension von

Verfasst am: 22.12.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Eine Erzählung als Perle der Literatur

Fremdartig und gewöhnungsbedürftig liest sich dieser kurze Text des russischen Dichters Leonid Dobycin, 1894 -1936, der zur russischen Avantgarde zählte. Er hat nur wenige Werke hinterlassen.
Die Handlung spielt in einem Ort in der baltischen Provinz, der zum baltisch-deutsch-russischen Mischgebiet vor dem ersten Weltkrieg gehörte.

Es geht um das eine Jahr 1913 -14. Im Ort trifft eine Gesellschaft aus Schutzmann, Gräfin, Dienstboten, Russen, Priester, Deutsche und Letten zusammen. Man beschäftigt sich aus Langeweile mit nationalen und religiösen Unterschieden. Das Völkergemisch zeigt eine gewisse Gereiztheit im Zusammensein.

Dobycins Ausführungen sind karg und bieten wenig Aufschluss. Es werden Stimmungen eingefangen, Momente, Augenblicke, Jahreszeiten und Aussprüche. Personen von unterschiedlichem Stand und Herkommen können fast nur in ihren Konturen erahnt werden. Satzfetzen bieten rätselhafte Anhaltspunkte für eine Stimmung, in der alles in der Schwebe zu sein scheint und Unsicherheit in der Luft liegt. Man muss sich auskennen mit Einzelheiten russischer Nationalitätseigenheiten. Wenn eine der Damen im schwarz- weißen Kleid erscheint, so symbolisiert das ihren russischen Nationalstolz, denn weiß ist die Farbe des russischen Zarenhauses. Evdokija ist Großmärtyrerin der russisch-orthodoxen Kirche, die im russischen Volksglauben fest verankert ist. Der 1. März ist ihr Festtag, der mit dem kalendarischen Frühlingsanfang zusammenfällt. Um sie gnädig zu stimmen, wird an diesem Tag nicht gearbeitet.

Zum Ende der verbalen impressionistischen Bilder bricht der Krieg aus.

In einem ausgezeichneten Nachwort vom Übersetzer Peter Urban kann man Einzelheiten zur literarischen Gattung und zur Entstehung des vorliegenden Textes erfahren.
Zit. “Im Unterschied zu Babel berichtet Dobycin nicht von grellen, farbigen Kriegserlebnissen, sondern schildert den grauen Provinzalltag in seinen Widersprüchen und erklärt, suggestiv und unverhohlen ironisch, woraus sich die Kriegshysterie von damals zusammensetzt: aus Selbstgerechtigkeit, falschem Bewusstsein von sich selbst, Bigotterie, nationalem Ressentiment, Neid und einer schier hoffnungslosen Frustration.”

Leichte Kost ist die spartanische Erzählweise Dobycins nicht.
Dennoch kann das kleine Heftchen als literarische Rarität für Kunstliebhaber der ausgefallenen Dichtkunst gelten.
Schön aufgemacht vom Verlag wird hier eines fast vergessenen russischen Schriftstellers gedacht, dem Ehre gebührt.

Migliedermeinung

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