Kann man den Tod austrixen?
Wer die Diagnose Krebs erhält, gerät in einen psychischen Ausnahmezustand, der zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt. Heilungsversuche und Todesfurcht halten sich die Waage.
Dieser Roman zum Thema Krankheit und Tod könnte auf einem Tatsachenbericht beruhen.
Helen lebt in Melbourne, ist um die sechzig Jahre alt und ist geschieden. Eines Tages bekommt sie Besuch von ihrer alten Freundin Nicola. Sie hat Krebs und will sich von einem Heiler und Guru, der in Melbourne arbeitet, behandeln lassen.
Als Helen ihrem guten Freund Leo, einem Psychiater, von dem bevorstehenden Besuch und von der Krankheit der Freundin erzählt, meint er, dass sie möglicherweise dazu ausersehen ist, ihr zu vermitteln, dass sie sterben wird.
Als Helen ihre Freundin vom Flughafen abholt, ist sie entsetzt über deren Zustand. Sie ist abgemagert, zusammen gefallen, wirkt uralt und krumm.
Helen nimmt ihre Freundin ins Gästezimmer auf, und eine entsagungsvolle und aufreibende Pflegezeit beginnt für sie.
Von nächtlichen Schwächeanfällen, Schweißausbrüchen und starken Schmerzen ist die Rede. Nicola bedarf ständiger Pflege und ist sichtbar schwer krank. Die vorsichtigen Einwände Helens gegen die obskuren Behandlungsmethoden bei dem Guru wischt Nicola schnell vom Tisch.
Helen betritt einen Pfad, der sie in zwiespältige Gefühle treibt. Da ist die Praxis des Gurus, in der alles oberflächlich und chaotisch, vor allem aber unseriös aussieht. Helen ist voller innerer Abwehr gegen den offensichtlich Missbrauch, der mit der Hoffnung, dem Geld und dem guten Willen der Patienten betrieben wird. Sie hält nichts von dem Hokuspokus, zumal es der Freundin immer schlechter geht. Helen erlebt den Verfall, sieht die unglaublich abartigen Behandlungsmethoden, ist wütend darüber und erlebt ihre Ohnmacht, Nicola die Wahrheit zu sagen.
Wie die Autorin den Zweifel und die Hoffnung der zwei Antipoden beschreibt, das zeigt ihre Kenntnis über Scharlatane und die Sucht, die Panik und den Fehlglauben, mit denen Menschen sich diesen anvertrauen. Zugleich stellt Helen Garner die Vernunft, den Geist und das Wissen dem Glauben an irrationale Hilfen und der Verleugnung des Todes gegenüber. In einem Exkurs mit der Nichte von Nicola, die von ähnlich irritierenden Erfahrungen mit ihrer Tante berichtet, wird klar, dass in einer Art Übertragung im psychoanalytischen Sinn die Umgebung von Nicola deren Wut, Angst und die Todesfurcht übernehmen, die sie selber verdrängt hat. Wenngleich diese Erkenntnisse unter Lachen zwischen den Protagonisten ausgetauscht werden, ist in allem doch eine vertrackte Bitternis zu spüren. Die Gläubigen und die Ungläubigen werden keinen Weg zu einander finden!
Wie Nicola in einem irrwitzigen Tanz mit ihren Verwandten und Freunden den Tod zu überlisten trachtet, das ist glanzvoll beschrieben.
Die Autorin berührt ein sensibles Thema, das jeden angeht. Sie schreibt anspruchsvoll in Stil und Ausdruck und wirft mit ihrer Romankonzeption Fragen nach der unterschiedlichen Verarbeitung von Tod und Sterben auf. Die Wut und die Ohnmacht der Helfenden stehen dem Anspruchsdenken der Gepeinigten gegenüber. Jeder scheint überfordert und Lösungen sind kaum in Sicht.
Helen Garner ist in Australien eine preisgekrönte Autorin, die mit diesem Buch nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder einen Roman vorlegt. Er ist ihr bestens gelungen!
