Treffende, diffizile und beklemmende Kleinstadtstudie.
Stewart O’Nan ist der Meister der feinen und subtilen Gesellschaftsbeobachtung.
In Kingsville, Ohio scheint die Welt noch in Ordnung zu sein!
Der Sommer ist heiß, die Freude der Jugend beim Baden und Feiern klingt unbeschwert, und die achtzehnjährige Kim ist voller erwartungsvoller Zukunftspläne. Sie freut sich darauf, schon bald von zu Hause auszuziehen und aufs College zu wechseln. Einen letzten schönen Sommer verbringt sie mit ihren Freundinnen und Freunden. Sie baden im Fluss, treffen Verabredungen und träumen von der Zukunft. Der Job ab der Tankstelle ist ja nur eine Geldquelle im Vorübergehen.
Als sie sich mit ihrer Freundin Nina für den Nachmittag verabredet, deutet nichts darauf hin, dass das glückliche Leben zu Ende sein könnte. Aber Kim kommt nie bei ihrer Arbeitstelle an!
Die Eltern und Kims Schwester Lindsay gehen zu Bett wie an jedem Abend. Gegen Morgen stellt Ed, Kims Vater, fest, dass ihr Zimmer unberührt ist. Aufgeschreckt von ihrem Verschwinden läuft sofort eine Aktion an, bei der nach und nach immer mehr Polizeiorgane und Mithelfer in eine unfangreiche Suche einbezogen werden.
Der Plot ist schnell erzählt.
Doch baut sich die Suche, die den Romaninhalt bestimmen wird, erst langsam auf. O’Nan beobachtet feinste Spuren und kleinste Regungen bei allen Beteiligten.
Die heile Familie, in der das Leben nach eingefahrenen Ritualen abläuft, wird minutiös analysiert. Plötzlich ist alles anders als bisher. Ed ist der rastlose Vater und Fran zeigt sich als verzweifelte Mutter. Lindsay, die eifersüchtige Schwester, die mit ihren fünfzehn Jahren mitten in der Pubertät steckt, steht dem ganzen Aufruhr ratlos gegenüber. J. P., Kims Freund, war sich ihrer Zuneigung nicht so sicher, wie es den Anschein hatte, und Kims Freundinnen wissen mehr über ihr Leben, als sie preisgeben wollen.
Zwischen allen Beteiligten spielen sich Ungereimtheiten ab: jeder bezeugt, dass Kim von allen geliebt wurde und keine Feinde hatte. Aber stimmt das so?
Wie jede Kontaktperson das eigene Verhältnis zu Kim überdenkt, wie sich Routine bei der Suche entwickelt, und wie mit verstreichender Zeit sich die Haltungen ändern: das ist Stewart O’Nans Können und zeigt seine Meisterschaft als Beobachter. Er lässt einzelne Personen auftreten, erweitert die Suche, bemerkt, wie sich die Eltern dem Medienrummel gegenüber fremd und unbehaglich fühlen; und doch ist zuletzt jedes Mittel recht, um der vermissten Kim auf die Spur zu kommen.
Einzelne Stränge der Erzählung werden lang und länger,—doch steigert O’Nan damit die Spannung. Unerträglich wird das Gefühl der Ohnmacht bei der erfolglosen Suche, die sich dem Leser mitteilt. Zuletzt ermattet die Aktivität und der Alltag stellt sich ein. Man muss mit dem Verlust leben lernen, denn das Leben geht weiter.
Mit feinsten Verästelungen zeichnet O’Nan das Psychogramm einer Kleinstadt, in der die Menschen durch das Verschwinden von Kim aus der gewohnten Ruhe aufgeschreckt werden und den gewohnten Halt im gleichmäßigen Alltagsleben zu verlieren drohen. O’Nans Stil ist der Lage angepasst. Seine Prosa wechselt von der feinen Landschaftsbeschreibung zu den Lebensstimmungen, zur Verzweiflung, Resignation und Aufgabe.
Stewart O’Nan gehört mit Steven King zu den amerikanischen Schriftstellern, die sich zu den geheimsten Abgründen im Seelenleben des Menschen vorwagen. Mit diesem Roman hat er seine Fertigkeit wieder einmal unter Beweis gestellt.
