Eine exklusive Liebe

von

Erinnerungen

192 Seiten (gebunden)
Luchterhand Literaturverlag

Erscheinungsdatum: 16.02.2009

ISBN: 9783630872919

Rezension von

Verfasst am: 18.02.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Todesfälle und ihre Folgen!

Mit der lakonischen Feststellung, dass ihre Großeltern sich an einem Sonntag im Oktober 1991 umbrachten, beginnt Johanna Adorjan ihre Forschung nach den schon 16 Jahre zuvor verstorbenen Großeltern.

Im Wechsel mit der Beschreibung des Alltagslebens der Großeltern, Gesprächen mit Angehörigen und Freunden entsteht das Bild zweier Menschen, die den schlimmsten Verfolgungen im 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren. Ursprünglich in Ungarn als Kinder jüdischer Herkunft geboren und aufgewachsen, geraten die beiden schon wenige Jahre nach der Heirat 1941 in die Mühlen der Naziverfolgung. Nach dem Krieg geht das Leben unter kommunistischer Herrschaft weiter, um dann nach dem Ungarnaufstand von 1956 mit der Flucht nach Dänemark den endlichen Schlusspunkt zu erreichen.
Wie Adorjan ihre Großeltern schildert, das zeugt einerseits von ihrem neugierigen Forschungsdrang nach den eigenen Wurzeln, ist aber auch die erstaunliche Liebesgeschichte eines außergewöhnlichen Paares. Ungarn mit den Sitten und Umgangsformen der alten k.u.k. Monarchie verströmte den Zeitgeist einer versunkenen Welt. Beide Eheleute siezten sich Zeit ihres Lebens. Der Großvater war ein gut aussehender Herr, galant und eindrucksvoll, die Großmutter eine herausragende Schönheit. Beide gehörten dem assimilierten jüdischen Großbürgertum an und entsprechend war der Lebenszuschnitt; man pflegte kultivierte Geselligkeit, wohnte in anspruchsvollem Ambiente und lebte ein freies und ungebundenes Leben. Wie diese Lebensweise mit der Annektierung des Landes durch Hitlerdeutschland und der Verschleppung und Ausrottung hunderttausender Juden in kurzer Zeit zugrunde ging, das ist mit der einfachen und liebevollen Erinnerung an diese vertriebene Familie hier dokumentiert.
Der Ton der Erzählung ist locker und ein wenig amüsiert, wenn es um diverse Charaktereigenschaften der Großeltern geht. Die ernsten Nachrichten über das Davonkommen sind sachlich und ohne bittere Kommentare in den Ausführungen.
Johanna Adorjan hat mit der Erforschung ihrer Ahnengeschichte ein Mittel gefunden, um auch der eigenen Identität auf die Spur zu kommen. Als Tochter einer Deutschen und eines in Ungarn geborenen Dänen in München aufgewachsen und mit einem dänischen Pass versehen, ist sie der ungarischen Sprache gar nicht mächtig. Dem Judentum fühlt sie sich innerlich nicht unbedingt verbunden. Dennoch spielt sie mit warmen Worten an mehreren Stellen auf Gefühle der Zugehörigkeit an, die sich im Angesicht Israels oder jüdischer Mitreisender einstellen. Die kosmopolitische Herkunft schließt die Sehnsucht nach eigenen Wurzeln nicht aus, in denen man sich seelisch und geographisch zu Hause fühlen könnte. Das lange und missverständliche Schweigen über die Vergangenheit in der Familie hat der Autorin die Neugierde nach Details zur familiären Herkunft nicht nehmen können.

Unter dem Titel einer exklusiven Liebe stellt man sich eine so dramatische Lebensgeschichte zunächst nicht vor.
Hier passt jedoch alles zusammen: Lebenslauf, Liebe, Identitätsfragen und Heimatlosigkeit. In wechselnden Szenen erlebt man eines von vielen Schicksalen, die das 20. Jahrhundert ausmachten. Johanna Adorjan schreibt mit unverkennbarer persönlicher Beteiligung, und das ist von lebendiger Überzeugungskraft.

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