Alle Wasser laufen ins Meer

von

Roman

240 Seiten (gebunden)
Klett-Cotta

Erscheinungsdatum: 10.03.2009

ISBN: 9783608936094

Rezension von

Verfasst am: 26.03.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Die zwanziger Jahre, eine Geschwisterliebe und eine Zeitgeschichte.

Georg Trakl, 1887 -1914, gehörte zu den bekanntesten Dichtern seiner Zeit. Er ist die zentrale Figur eines Romans, in dem es um Künstler und die zwanziger Jahre geht.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts lebte die Kaufmannsfamilie Trakl in Salzburg. Von den sieben Kindern sind Georg und Grete eng verbunden, enger als es unter Geschwistern üblich ist. >Alle Wasser laufen ins Meer<…mit diesen Worten aus dem Prediger Salomo des Alten Testaments versucht sich Georgs Schwester Grete eines Tages ihren Kummer in einem Brief an den Bruder von der Seele zu schreiben. Sehr tief und innig war ihre Verbindung.

Georg sieht sich in seiner Jugend schon als angehenden Dichter, der sich in philosophische und dichterische Höhenflüge versteigt. In literarischen Zirkeln schließen sich Jungen seines Alters zusammen, um die Exposés ihres Schaffens zu diskutieren.
Trakl hat in seinen Gedichten die Ratlosigkeit und Schwermut verkörpert, die ihn und seine Künstlerfreunde in der Vorkriegszeit und während des Krieges befallen hat. Er ist ein von Grübeln gepeinigter Mensch, voller Selbstzweifel und Selbstanklagen. Die Treffpunkte der jungen Künstler sind rauchgeschwängert und unruhig vom Alkohol, Drogen und Musik. Das Pflichtbewusstsein der Elterngeneration steht im Kontrast zur Haltung der Jugend, die sich hemmungslos amüsieren will und ihren Neigungen nachgeht.
In Wien suchen Georg und Grete ihr Glück. Fantastiche Träume von einem Leben in der Karibik gaukeln dem verunsicherten Dichter ein besseres Leben vor.

GT gehörte zu den Dichtern des Expressionismus, die den Symbolisten nahe standen. Erste Theaterstücke, die von ihm in Salzburg aufgeführt werden, erfahren wenig Beachtung. Seine Stimmungen schwanken zwischen Melancholie und Depression.
Grete lebt das leichtlebige Leben einer höheren Tochter mit Internatserziehung. Sie verliebt sich in den Freund Georgs, Ehrhard Buschbeck, der ihre Liebe nicht erwidert. Alle drei sind auf der Suche nach ihrer künstlerischen Erfüllung.

Dann kündigt sich der erste Weltkrieg an, und man scheint einem Untergang entgegen zu sehen.

Mit sorgfältiger Beobachtung fängt der Autor Martin Beyer die Zeit der zwanziger Jahre in Österreich und später in Berlin ein.
Seine Figuren sind obzessiv, ein wenig dekadent und maliziös.
Beziehungen laufen ins Leere, und jeder sucht eigene Wege, der Sackgasse zu entkommen. Katastrophen in Form von Pleiten, gescheiterten Karrieren und missglückten Liebesbeziehungen häufen sich. Dennoch bieten Künstlertreffs in Wien und Berlin Höhepunkte der Erzählung.

Martin Beyer, selber noch ein junger Autor des Jahrgangs 1976, hat die Atmosphäre der Dekadenz, des persönlichen Zweifelns und der Suche nach Glaubwürdigkeit ausgezeichnet eingefangen.
Er folgt den Spuren Georg Trakls und zeigt eine in sich zerrissene Persönlichkeit, die an den Erfahrungen des ersten Weltkriegs zerbricht. Die fiktiven Briefe zwischen den Geschwistern Trakl gehören zu den innerlichsten und ehrlichsten Aussagen im Roman.
Alle Wasser laufen ins Meer?

Ein tragisches Leben hat in der Romanbiographie über den Dichter Georg Trakl und seiner unglücklichen Geschwisterliebe seinen Niederschlag gefunden. Beyer ist die Wiederbelebung der Jahre künstlerischen Aufbruchs, des Gelingens und am Ende des Scheiterns einfühlsam und dem damaligen Zeitgeist entsprechend hervorragend gelungen.

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