Rückblick!
Gleichsam mit einem Blick von außen schaut die Erzählerin dieser Geschichte auf ihre Schwester, die nach dem Schulabschluss kurz vor der Wende zu Hause geblieben ist in einer öden Grenzstadt der DDR nahe der polnischen Grenze am Stettiner Haff.
In trocken – spröde formulierter Weise berichtet die namenlose Icherzählerin von der Trostlosigkeit, die in dieser für die Angehörigen der Volksarmee aus dem Boden gestampften Betonsiedlung herrschte. Wie in der Verbannung musste man sich dort wohl fühlen!
Die Erzählerin war die jüngere Schwester, die im Fahrwasser der älteren schnell vorwärts kam, keine Hürden kannte, und offensichtlich schon bald aus der häuslichen Trübsal zu besseren Ufern aufzubrechen wusste.
Sehr schön und atmosphärisch eindrucksvoll ist die resignierte Haltung zu erspüren, mit der sich die Menschen ihrem leeren und abwechslungslosen Alltag ergaben.
Die Schwester blieb, wo sie war, heiratet und bekommt zwei Kinder. Schon als Schülerin hatte sie ein kurzes Liebeserlebnis mit einem „Soldaten.“ Dieses löst den Alltag aus der Tristesse, und als der Soldat, der er nun nicht mehr ist, nach Jahren noch einmal auftaucht, versucht sie, das Erlebnis wieder zu beleben.
Inzwischen kam der Mauerfall, und die eingefahrenen Lebensmuster wurden brüchig. „Die Menschen treiben als Teile einer unförmigen Masse auf immer gleiche Weise durch die Geschehnisse der Geschichte.“ Und „ Ihre Existenz, ein stetes Schlingern durch einen dunklen Raum, in dem sie doch alle lernen, sich so weit zu orientieren, dass sie nicht auf der Stelle zugrunde gehen.“ Mit treffenden Worten skizziert die Autorin, wie es den Bürgern der DDR erging, die sich von einem Extrem ins andere geschoben fühlten.
Wie Julia Schoch die Langeweile, die Erstarrung und das bewegungslose Leben einer jungen Frau in der DDR eingefangen hat, das ist gekonnt und nimmt einen mit in diese ungemütliche Lebensform.
Die Icherzählerin merkt zu spät, dass sie der Schwester mit Unaufmerksamkeit begegnet ist. So hat sie diese ihrem Schicksal überlassen, das in Einsamkeit verlief und wenig Hoffnung auf bessere Zeiten zuließ.
Der Roman, der mehr einer Novelle gleicht, ist ein Zeugnis für die Not und Ausweglosigkeit, mit der man sich im politischen System der DDR eingerichtet hatte.
Die Ausrichtung auf Gemeinschaft zwecks Kontrolle war erschreckend und ließ kaum Freiraum. Am Beispiel des Soldaten, der sich bei einem Krankenhausaufenthalt mit einem Spitzel im Nebenbett herumärgern muss, wird die Einschränkung der Freiheit verdeutlicht. Beide, der Soldat und die Schwester, haben den Freiraum auf ihre Weise gesucht und sich zu einander geflüchtet. Außerhalb der Beziehung bleibt der Raum ungefüllt. Man weiß nichts über ihren Alltag oder über ihr Leben zwischen Familie und heimlicher Liebe.
Unausgesprochen liegt über der Erzählung der Schleier der Depression, die der Leser als bedrückend erlebt. Sie mag als Metapher dafür herhalten, wie es vielen Bürgern in der DDR damals und nach der Wende erging.
Julia Schoch schreibt stringent, unsentimental, lakonisch berichtend. Sie enthält sich psychologischer Deutungen. Gelegentlich wirkt die stete Trauer und Stummheit der Schwester fast ein wenig pathetisch, was der Erzählung aber keinen Abbruch tut.
Ihrem guten Ruf als hervorragendes Talent wird die Autorin mit dieser Erzählung gerecht!
