Das Leben der Bohème,—ein Aufwachsen unter turbulenten Verhältnissen!
Wie kann man sein Leben bestehen, wenn jegliche Voraussetzungen für geordnete Erziehung und Schulbildung fehlen?
Sybille Bedford beweist mit ihren in Romanform erschienenen Lebenserinnerungen, wie das gelingen kann!
Sie wurde 1911 in Berlin geboren, starb 2006 in London und hat somit ein ganzes Jahrhundert erlebt. Locker, leicht und liebenswürdig ist ihr biographischer Roman, in dem sie von ihrer Herkunft, den unbeständigen Lebensorten, den Charakteren und der Lebensart ihrer Eltern erzählt.
Die schöne Mutter und der viel ältere Vater, ein vom Leben enttäuschter Baron, trennten sich kurz nach dem ersten Weltkrieg. Sybille blieb bei ihrem Vater, der ein Eigenbrötler und verbissener Kunstsammler war. Ein ärmliches Nachkriegsleben bestimmte die Kinderjahre der Autorin auf einem Gut in Feldkirch im Badischen. Einen geregelten Schulbesuch gab es für sie nicht.
Unglücklicherweise stirbt der Vater schon bald, und für Sybille Bedford beginnt ein ausgedehntes Wanderleben.
Die exzentrische Mutter, die von steter Unruhe getrieben mit wechselnden Liebhabern durch Italien und Frankreich zieht, bietet der kleinen Tochter keinen besonderen Halt.
Hin und her gezerrt von der Mutter lebt Sybille nach dem Tod des Vaters einmal hier und einmal dort in Italien, bis sie nach England zu Freunden geschickt wird. Als sie die weite Reise alleine antritt, ist sie erst 15 Jahre alt! Erstaunlich gelassen nimmt sie alles hin und fügt sich in jede Situation: in England wohnt sie bei leichtlebigen Künstlerfreunden der Mutter, die in ewigen Geldnöten stecken. Sie ist der zahlende Gast, beobachtet alles interessiert und neugierig und bringt sich Tennisspielen und Lesen, Schreiben und vieles andere bei. Das Leben wird ihr bester Schulmeister. Die immer noch sehr schöne Mutter lässt sich schließlich ab 1926 mit ihrem dritten und viel jüngeren Mann auf der Flucht vor den italienischen Faschisten in Sanary-sur mer in Frankreich nieder. Den Großteil ihrer Jugend verbringt Sybille Bedford dort und in England. Viele Persönlichkeiten von Rang und Namen zieht es zwischen den beiden Weltkriegen in das Umfeld von Sanary. Man trifft dort Künstler, Schriftsteller und Maler, die im angenehmen Klima und der freien Ungebundenheit des Südens gerne ihr Domizil aufschlagen.
Die Autorin wird zur Kosmopolitin, deren Einschätzung der verschiedenen Lebensformen in Italien, England und Frankreich von hinreißendem Charme und konsequenter Genauigkeit sind.
Dass sie unter den gegebenen Bedingungen sich bildet, viel liest und zu einem aufgeschlossenen Menschen heranwächst, überrascht nicht, denn sie findet neben ihrer sehr gebildeten Mutter immer wieder Erwachsene, von denen sie lernt und Anregung bekommt. Schon in jungen Jahren entwickelt sie selbständiges Urteilsvermögen. Neben den Freundschaften in England, die ihr wichtig sind, ist die Geschichte ihres Lebens eng verknüpft mit der französischen Bohème, mit deren Lebenslust, der ständigen Geldnot und mit ausschweifenden Festen; verbunden bleibt sie aber auch mit der Tragödie des Lebens ihrer Mutter.
Mit ihrer bezwingenden Erzählform gewinnt der politische Zeitgeist auf unsentimentale, lockere Weise Konturen.
Die Autorin weiß mit Witz und Humor spritzig und eindrucksvoll zu erzählen, ohne dass den tragischen Schicksalen Raum genommen wird. Beste Unterhaltung ist mit dem Gesellschaftsausschnitt über das vergangene Jahrhundert gewährleistet; sie lässt die Erzählung zu einem glänzenden Jahrhundertpanorama gedeihen.
