Eine kleine Geschichte mit großer Wirkung!
Die Geschichten von Hiromi Kawakami sind auf ungewöhnliche Weise originell und bilden kleine Raritäten auf dem Buchmarkt. Wie in ihrem Roman „ Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ fallen ihre Figuren aus dem allgemeinen Rahmen der Zeit. Während in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Werk eine ungewöhnliche Liebesgeschichte abgehandelt wird, zeigt Hiromi Kawakami hier einen höchst eigenwilligen und originellen Trödelhändler am Rande Tokios mit seinem Laden.
Es handelt sich bei seiner Ware um echten Trödel und nicht etwa um Antiquitäten. Da gibt es genug zu tun für alle, die er um sich versammelt hat: einen Laufburschen, Käufer, seine Aushilfskraft Hitomi,—ist ihr Name eine Anspielung auf den Vornamen der Autorin? Wer immer in seinen Laden tritt, wird mit Akribie und Neugierde betrachtet. Herr Nakano ist ein Unikum, der alle Sätze mit „ und überhaupt…. “ beginnt.
Er ist ein Herr alter Schule, gut aussehend, dabei listig und ein Menschenkenner. Hitomi kann so einiges im Umgang mit ihm lernen! Er hatte bereits drei Ehefrauen, zwei Kinder und eine Geliebte. Seine Schwester Masayo ist Puppenmacherin und schon Mitte fünfzig. Ihre Ausstelllungen sind äußerst sehenswert!
Das Essen, die Trinkgewohnheiten und die Gespräche zwischen den Protagonisten vergegenwärtigen ein einfaches Leben, das dennoch voller Neugierde, Erfahrungsaustausch und Lebensweisheiten steckt.
Hitomi liebt Takeo, den Laufburschen und Helfer von Herrn Nakano, und letzterer hat eine Geliebte mit Namen Sakiko, die einen echten Antiquitätenhandel betreibt.
Wenn Sex zum Thema wird, dann sind diese Passagen entweder so nüchtern und dezent geschrieben, dass keine Schamgefühle verletzt werden. Oder Hiromi Kawakami lässt in ihren Andeutungen eine verhalten erotische Stimmung aufkommen,—wie die zwischen Hitomi und Takeo.
In lakonischem Ton, bei denen die kurzen Satzstellungen fast einen Eindruck von Naivität erzeugen, berichtet Hitomi in der Rolle der Icherzählerin über das tägliche Leben im Laden, und was jeder einzelne dort erlebt. Nichts Weltbewegendes ereignet sich. Doch gerade die filigrane Welt der japanischen kleinen Leute überzeugt mit ihren individuellen Eigenheiten, dem täglichen Einerlei und mit den kleinen Liebeleien, denen jeder voller Hoffnungen nachgeht. Jeder zeigt sich mit einem ausgeprägten Charakter, der die Unterhaltung höchst humorvoll belebt.
Wie mit einem unsichtbaren roten Faden zieht sich die scheue Liebe von Takeo und Hitomi durch den Alltag. Der Trödelladen bietet den ungewöhnlichen Rahmen für eine Handlung, die unspektakulär und einfach ist, ohne dass Langeweile aufkommt.
Hiromi Kawakami ist eine wunderbare Erzählerin, deren ruhiger Erzählstrom zu einem ebenso ruhigen Lesegenuss führt.
Sie scheut sich nicht, die Geschichte zu einem guten Ende zu führen, ohne dabei kitschig zu werden und kann mit diesem Buch durchaus an den Erfolg ihres ersten ins Deutsche übersetze Werk anknüpfen.
