Es war einmal eine Familie

von

biographischer Roman

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

142 Seiten (gebunden)
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Erscheinungsdatum: 09.03.2009

ISBN: 9783633542352

Rezension von

Verfasst am: 25.05.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Eine Vergangenheit, die immer gegenwärtig bleibt!

Im Schatten der Nazivergangenheit lebt es sich schlecht.
Lizzie Doron weiß in ihrem vorliegenden Roman davon zu erzählen, und das ist keine leichte Kost.

Als Elisabeth, Helenas Mutter, verstorben ist, kehrt sie noch einmal zurück in das Viertel von Tel Aviv, in dem sie mit der Mutter alleine aufgewachsen ist.
Vor Jahren schon hat Helena das Viertel verlassen. Hier ist es weiterhin dumpf und eng, und die Menschen sind voller Gram und dräuender Wut und Trauer über all’ das Vergangene! Denn hier leben vorwiegend Überlebende der Shoah.
Helena bekommt das zu spüren, als die Nachbarinnen Sonia und Genia, beide Auschwitzüberlebende, sie ermahnen, im Hause zu bleiben, um der Mutter die ihr gebührende Ehre zu erweisen.
Sie wird Schiwa sitzen, eine jüdische Tradition, mit der man die Verstorbenen ehrt. Verwandte hat sie nicht. So kommen die Nachbarn und Freunde, die schon lange hier zusammen gelebt haben.
Düster und beklemmend ist die Atmosphäre in der kleinen Wohnung, die sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder betritt. Was soll sie hier? Wie fühlt sie sich?

In einem unheimlichen Reigen treten Personen aus der Vergessenheit heraus, und Helena hört ihre Stimmen, mit denen sie die Kinder vor Gefahren warnten, ihre Ängste vor dem Feuer und der Verfolgung hinausgeschrieen haben. Auch Elisabeth war voller Angst und Grauen, mit der sie die Tochter verschreckte. „Immer wieder Auschwitz!“ schreit diese ihr einst empört ins Gesicht!

Die Kinder der Entkommenen müssen die Scham und die Last der Eltern ertragen, die nur in Andeutungen, nie aber in klaren Vorstellungen für sie fassbar geworden sind. Die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder waren groß. Im Jom-Kippur–Krieg von 1973 starben viele von ihnen, und das Elend der frühen Jahre setzte sich fort. Glücklich wurde von diesen Menschen niemand am fremden Ort in einem fremden Land.

Die sieben Tage werden zur Vergegenwärtigung all’ des Vergangenen und beleben die längst verlassen geglaubten Zeiten neu.
Auf der Suche nach dem Bild der Mutter erfährt Helena Bruchstücke, aus denen sie einen unzulänglichen Eindruck zu gewinnen sucht.
Ob es ihr gelingen wird?

In ihren Aufzeichnungen zeigt Lizzie Doron, wie schwierig das Leben auch der zweiten Generation nach der Shoah war. Wurzeln und Heimat gab es für die Eltern nicht mehr oder sie waren verbunden mit den schrecklichen Erfahrungen in den KZs. Man spricht von den Heimatländern, die keine Heimat sind, von „hier“ oder „dort.“ Eine Tante heißt Itta von Theresienstadt.

Lizzie Doron hat ihre Eindrücke impressionistisch verarbeitet.
Vieles bleibt im Schatten, anderes tritt klar hervor. Es rundet sich ein Bild dessen, was Juden während und nach dem schrecklichen Vernichtungskrieg in Europa erdulden mussten.

Wenngleich die Autorin Biographisches verarbeitet, bleibt die Geschichte auf einer fiktiven Erzählebene, mit der man die Figuren als erdacht erlebt. Umso eindrücklicher sind die beschriebenen Erfahrungen, der Jammer und das Leid.
Aus dem Schatten dieser Vergangenheit gibt es fast kein Entkommen!

Migliedermeinung

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