Mittelalter als Rollenspiel in der Neuzeit: die Geschichte eines skurrilen und eigenbrötlerischen Kerls.
Wer sich auf diesen Roman einlässt, hat es mit einer reichlich verrückten Geschichte zu tun.
Burt Hecker ist der Held einer Erzählung, in der es skurril, zuweilen irrwitzig und äußerst fremdartig zugeht. Er ist 63 Jahre alt und irrt nach dem Krebstod seiner Frau bindungslos und auf der Suche nach seinem Sohn durch die Welt.
Der ehemalige Geschichtslehrer wandte sich eines Tages von der Realität ab und gründete einen Verein, der mittelalterlichen Riten, Lebensweisheiten und Gewohnheiten frönt. Auf dem Grundstück seiner Frau mit der Frühstückspension Mansion Inn im Staat New York versammelte er eine Gruppe ausgeflippten Mitstreiter um sich. Das Geldverdienen überließ er seiner Frau.
Als ungewöhnlicher Kauz hat Burt Hecker schon früh die Gründung „einer Gemeinschaft zur Wiedererlangung der Zeit,“ abgekürzt GWVZ, zu seinem Vorhaben gemacht. „Nee“, nicht der Epoche entsprechend, ist eine viel benutzte Abkürzung für eine Lebensform, mit der er sich in die Zeit des Mittelalters geflüchtet und verrannt hat. Zum Zeichen seiner Verbundenheit mit jenem fernen Zeitalter trägt er wollene Tuchkleider und Gesundheitssandalen.
Mit einer Schar von Jüngerinnen reist er nun vom Staat New York aus nach Deutschland zu den alten Burgen am Rhein. Das Kloster Disibodenberg ist das Ziel der zwischen Esoterik und Mittelalter schwankenden Gruppenmitglieder. Hier lebte einst die Äbtissin Hildegard von Bingen, die an diesem Ort ihre Rezepte, Heilmittelforschungen und Erfahrungen für die Menschheit niederschrieb.
Nach einigen Abenteuern am fernen Ort treibt es ihn weiter nach Prag, wo er seinen Sohn Tristan suchen will, mit dem er sich zerstritten hat.
Begonnen und fortgesetzt wird in diesem Stil eine recht makaber humorvolle Geschichte, die das Leben und Treiben von Burt Hecker alias Eckbert Attquiet, wie sein mittelalterliches Pseudonym lautet, zum Inhalt hat. Aus seiner Perspektive bekommt das 21. Jahrhundert den Spiegel seiner zeitlichen Fehlentwicklungen vorgehalten.
Oszillierend zwischen gestern und heute zeigt sich eine Familiengeschichte, die in ihrer Zerrissenheit eher zur heutigen Zeit als zum Mittelalter passen will.
Die Abenteuer, Reiseerlebnisse und belustigenden Erfahrungen von Burt treiben immer neue Blüten, so dass man sich lächelnd unterhalten lässt von einer fantasievollen Erzählung, die zuweilen ins Absurde abgleitet.
Die Geschichte enthält einige schrullige Höhepunkte, witzige Unterhaltungen und ist einfallsreich konzipiert. Doch auf mich wirkte sie aufgesetzt und nicht recht überzeugend in der Handlung, abgesehen von den mittelalterlichen Bildern, der schönen Rhein – und Weinlandschaft, die sich vor der Kulisse der Neuzeit abhebt.
Mit ein wenig Vergangenheitsverklärung, ein wenig Familienzwist und allerhand komischen Abenteuern ist ein Roman entstanden, der sicher den einen oder anderen amüsieren wird.
Mir fehlte die Geschlossenheit und ich konnte mich daher für den Debütroman des amerikanischen Autors, der mit seinem Sohn in Berlin lebt, nicht erwärmen.
