Bambi am Broadway

von

Erzählungen

Aus dem Spanischen von Timo Berger

96 Seiten (gebunden)
Wagenbach

Erscheinungsdatum: 24.02.2009

ISBN: 9783803112583

Rezension von

Verfasst am: 06.06.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Komik und Absurdität auf hohem Niveau!

Cozarinsky ist ein subtiler Erzähler aus Argentinien. Er ist dort 1939 als Sohn russischer Einwanderer geboren, ging jedoch 1974 nach Frankreich, wo er seither als Filmemacher und Autor lebt.

Seine Erzählungen sind skurril und gewöhnungsbedürftig.

Erfindet er doch allerhand verrückte Geschichten, mit denen er den Leser überfällt. Irritiert schaut man sich um und sieht sich in eine Fantasiewelt versetzt. Handelt es sich doch z.B. um Disneyfiguren, die er zum Leben erweckt, oder um den Kinderstar aus der argentinischen Filmgeschichte, das „Fusselchen“, das einstmals argentinisches Leben in seinen Filmen verkörperte.
Wer mit diesen Geschichten nicht vertraut ist, kann sich an ihnen als Betrachter nur aus der Ferne ergötzen.
Da kommt einem die Frau von Çeausescu schon näher, die in einem Tonkrug in die Schweiz flüchtet, um sich einem Schönheitschirurgen zwecks Veränderung ihres Äußeren anzuvertrauen. Mit Hilfe von Medikamenten verkleinert sie sich,— die schöne Neue Welt lässt grüßen—- und kriecht in den Tonkrug aus dem 14. Jahrhundert. Der Tonkrug wird, deklariert als „Kunstschätze aus moldawischen Klöstern,“ vom Kunstgewerbemuseum in Zürich als Leihgabe erwartet. Hier kriecht sie aus dem Krug und begibt sich zu dem bekannten Chirurgen. Sie wusste nicht, dass dieser aus Argentinien geflüchtet war, weil er hochrangige Personen aus dem Showgeschäft bei seinen Verschönerungsoperationen entstellt hatte. Der Esoterikmediziner entwickelt besondere Ideen, wie er bei seinen Persönlichkeitsveränderungen vorgehen will.
Eine berühmte Schweizer Dame findet sich von ihm in eine Vogelspinne verwandelt wieder und genießt die exzentrische Möglichkeit, an ihren vielen Tentakeln ihren voluminösen Schmuck zur Schau zu stellen. Bei der anschließenden Show wird sie erdrückt und zuletzt von ihrem eigenen Bediensteten mit einem Besen erschlagen.

In diesem Stil schreitet die Erzählung fort, und man weiß nicht, ob wir es mit der Ausgeburt und fröhlichen Form eines modernen Franz Kafkas zu tun haben.
Weitere Kapitel beschäftigen sich mit Sommernächten in den Taxis von Buenos Aires, die äußerst unterhaltsame Einblicke in den Alltag der unterschiedlichsten Mitfahrer bieten.

Der Autor tänzelt mit seinen Fantasien von einer Absurdität zur nächsten. Man kann seinen von Spuk, Zauber und Magie beflügelten Gedanken kaum folgen. Politik vermischt sich mit Hollywood, und die Erzählung schreitet von einem Event zum folgenden. Es geht um die Karikierung von Verbrechen und Gesellschaft, um Ärzte, Konsumenten und die Verrücktheiten des Alltags.

Cozarinsky hat ein intelligentes Buch geschrieben. Seine Einfälle irrlichtern durch die Politik und Geistesgeschichte, machen auch vor Freud und Marx nicht halt, und bieten geistreiche Unterhaltung auf hohem Niveau.

Migliedermeinung

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