Auf der Datscha

von

Sachbuch

288 Seiten (gebunden)
Dörlemann Verlag

Erscheinungsdatum: 27.04.2009

ISBN: 9783908777359

Rezension von

Verfasst am: 06.06.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Die Geschichte der Datscha: ein erhebendes Lesevergnügen!

Die Datscha ist eine geläufige Bezeichnung für russische Sommerhäuser. Man kennt sie aus Romanen und Zeitungsberichten und vermag sich etwas darunter vorzustellen. Zur Entstehungsgeschichte dieser Sommerhäuser weiß man hingegen wenig.

In der vorliegenden und verdienstvollen Kulturgeschichte der Datscha von Marina Rumjanzewa lässt sich nun genaueres erfahren über die Geschichte und den Stellenwert, den die Datscha seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Russland eingenommen hat.
Zar Peter der Große gründete 1703 die Stadt St. Petersburg und baute sich 30 km entfernt das Sommerpalais Petergof. Die Einfahrt in die Stadt sollte von prachtvollen Sommerhäusern gesäumt werden, wozu er Grundstücke an seine Adligen vergab. Dieser Zeitpunkt mag als Geburtsstunde der Datschen gelten.
Zar Alexander der I versprach nach einer Legende einst einem Grafen nach dessen Tod ein Mausoleum. Dieser aber erbat sich eine größere Summe, mit der er ein Fest auf seiner Datscha bestreiten wolle. Diese Aussage bezieht sich auf ein Fest im Jahre 1772. Damals jedoch waren die Datschen noch der Aristokratie vorbehalten, bevor sie bis heute zu einer allgemeinen Lebensform und einem Stück russischer Geschichte wurden.

Mit historischer Genauigkeit entwickelt M. Rumjanzewa die Entstehungsgeschichte der Datschen im Zusammenhang mit der russischen Geschichte.
Über fast zwei Jahrhunderte besaß alleine der Adel die Mittel, um sich den Vorzug der in Stadtnähe erbauten Datschen leisten zu können. Sie liebten ihre Datschen, in denen sie sich mit der Natur verbunden fühlten, und die ihnen die weite Reise zu ihren Gütern ersetzten. Hier konnten sie unbeschwert einer Geselligkeit, die frei von konventionellen Zwängen war, nachgehen.

In der kleinen Kulturgechichte tauchen berühmte Namen wie die von Puschkin oder Gontscharow, Dostojewski, Tolstoi und Tschechow auf, die vom Leben ihrer Helden in ihren Datschen sprechen. Es zeigt sich, dass die russische Literaturgeschichte nicht ohne Datscha auskommt, und die Datschen nicht ohne Literatur. Oblomow liegt auf einer Couch in der Datscha, und Anna Kareninas Leben spielt sich ebenfalls weitgehend auf einer Datscha ab!

Mit dem Ende der Leibeigenschaft 1861 traten die Intelligenzija und das Kapital auf den Plan. Sie übernahmen wie selbstverständlich die Gewohnheiten des Lebens auf der Datscha, das sich inzwischen als typisch russisches Lebensgefühl in den Köpfen und Gepflogenheiten der Einwohner festgesetzt hatte.

Unter Stalin wurden zahlreiche Eigenheiten des Volkes eliminiert,—den Datschen konnte das Sowjetsystem nichts anhaben. Im Gegenteil: die Nomenklatura und Stalin selbst ließen sich überall Datschen bauen,—nur der Zugang und die Vertraulichkeit waren in deren Umkreis selbstredend verschwunden.
In der Nähe von Moskau wurde auf Stalins Befehl 1934 die berühmte Literatur – Schriftsteller-Siedlung Peredelkino erbaut. Hier schrieb Pasternak seinen Doktor Schiwago, der dann in der Sowjetunion verboten blieb und seinen Ausschluss aus der Schriftstellerkammer zur Folge hatte. Seine Datscha aber durfte er behalten!

Die anfängliche Pracht wandelte sich, je mehr Bürger in den Besitz einer Datscha kamen. Diese befinden sich immer in Stadtnähe, so dass sie leicht zu erreichen sind. Heute wohnt man von Mai bis September teilweise ganz, teilweise nur am Wochenende auf der Datscha. Dort lebt es sich frei, ungezwungen und man betreibt eine vertrauliche und heitere Geselligkeit, seit eh und je das typische Merkmal der Datschniki.

In ihrer klaren, gründlich recherchierten und mit zahlreichen Beispielen belegten Studie über die russischen Datschen kann man bei Marina Rumjanzewa alles erfahren, was zur Geschichte der Datscha gehört, wie sie entstanden, wie sie gebaut und mit welchen Mitteln man sie damals wie heute ausstattet, und welches Lebensgefühl zu ihr gehört.
Die Datscha ist Nationalgefühl und Lebenskunst in einem.

Nebenbei erfährt man zahlreiche Einzelheiten aus dem Leben hoch gerühmter russischer Dichter. Man liest das Buch mit zunehmender Aufmerksamkeit und mag es nicht mehr aus der Hand legen!

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