Tagebuch des Abschieds

von

Roman

Aus dem Portugiesischen von Berthold Zilly

232 Seiten (gebunden)
Friedenauer Presse

Erscheinungsdatum: 01.10.2008

ISBN: 9783932109553

Rezension von

Verfasst am: 26.06.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Als Winterbuch wird dieser schöne Roman aus dem Verlag der Friedenauer Presse auf dem Cover angepriesen: Aufmachung und Inhalt scheinen gemütliche Winterabende heraufzubeschwören, an denen man sich in Muße feinfühliger und poetischer Lektüre hingibt.

Der brasilianische Autor Machado de Assis hat afrikanische Wurzeln und ist ein Zeitgenosse Fontanes, an den im Nachwort erinnert wird. Wir blicken aber nicht auf die Bewohner der Mark Brandenburg mit dem Stechlinsee sondern befinden uns in Rio de Janeiro im Jahr 1888. Der pensionierte Diplomat Aires hält Rückschau auf sein Leben, indem er sich seinem Tagebuch anvertraut. Geselligkeit, Plaudereien und Reflexionen bieten den beschaulichen Rahmen, mit dem er uns an seinem Leben teilnehmen lässt.
Mannigfache Gelegenheiten bieten sich, um Bilder des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Brasilien einzufangen.

Das brasilianische Kaiserreich unter Dom Pedro II stand kurz vor seinem Untergang. Bis dahin hatte die liberale und gebildete Regentschaft des Herrschers Fortschritte gebracht und Brasilien zu einem blühenden und stabilen Staatsgefüge gemacht.
Die junge Witwe Fidélias weckt das Interesse des pensionierten Diplomaten Aires, der mit seinen 62 Jahren schon als „älter“ gilt; auch liebe Freunde, die Aguiars, werden im heute als jugendlich geltenden Alter von fünfzig Jahren schon als älter bezeichnet und laden zur Silberhochzeit ein! Rita, die verwitwete Schwester von Aires, scherzt in heiter lockerem Ton über mögliche Heiraten zwischen den verschiedenen Protagonisten.
Das Ehepaar Aguiras ist kinderlos geblieben. Daher haben sie sich der früh verwitweten Fidélias angenommen. Der Sohn einer Freundin, Tristao, ersetzt ihnen den Sohn, den sie nie gehabt haben. Besonders Dona Carmo ist ein liebevoller und warmherziger Mutterersatz für die beiden, von denen besonders Fidélias unter ihrer Elternlosigkeit leidet. Aus dieser Konstellation entsteht ein Spannungsbogen, der die Handlung beflügelt und Neugierde entfacht.

Mit feiner Feder zeichnet der Autor Menschen, Situationen und politische Angelegenheiten, von denen die Abschaffung der Sklaverei 1888 zu den eindrucksvollsten gehört.
Von Liebe und Vergehen handeln die Tagebucheintragungen des Herrn Aires, und es finden sich Einsichten und Lebensweisheiten wieder, die als allgemein gültig angesehen werden können. Trennungen von den „Ersatzkindern“ werden ebenso schmerzlich empfunden wie die von eigenen.
Sätze wie diese: „Alles läuft auf dasselbe hinaus; Liebe oder Wahlkampf, es mangelt nicht an Stoff für menschliche Zwietracht“ und „Sitten und Satzungen, alles vergeht“, werfen ein Licht auf die Ausdrucksweise und beschauliche Weltsicht, mit der uns der Autor an seinen Erekenntnissen teilnehmen lässt.

Zwischen Aufbruch und Abschied scheint sich die Handlung zu bewegen. Tägliche Begegnungen, Geselligkeiten, Tod, Liebe und Vergehen, Besuche auf Friedhöfen und Gespräche über Verstorbene bilden die Grundgedanken der Niederschrift. Man pflegt lebhafte Geselligkeit und ehrbare Konversation. Schriftliche Billets ergänzen ein gesellschaftliches Klima der herzlichen Zuneigung.
“Alle meine Tage sind gezählt, nicht ein Schatten von dem, was verloren geht, lässt sich wiedergewinnen.“ Melancholische Einwürfe wie diese zeigen uns den liebenswürdigen Tagebuchschreiber mit wechselnden Stimmungen. Das Leben aber kommt nicht zu kurz, denn die Zeit und Muße des Alters lassen genügend Spielraum, sich Gedanken und Träumen über Gegenwärtiges oder Vergangenes hinzugeben!

In einem ausführlichen Nachwort kann man dem Zeitgeschehen und der Struktur der Erzählung nachgehen.
Ein seltenes kleines Meisterwerk ist mit dieser Ausgabe des „Tagebuchs des Abschieds“ von Machado de Assis erschienen, das man mit Freuden liest.

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