Die grauen Seelen

Die grauen Seelen

von

Roman

Aus dem Französischen von Christiane Seiler

240 Seiten (gebunden)
Rowohlt

Erscheinungsdatum: September 2004

ISBN: 9783498009304

Philippe Claudel führt dem Leser die Zerbrechlichkeit der menschlichen Seele und ihre Auswirkungen vor Augen und das in einer Zeit, die nicht schlimmer für die Seele sein kann.

Erster Weltkrieg. Ein kleiner Ort in Frankreich. In den Köpfen der Bewohner ist das grauenvolle Sterben an der Front weit weg. Doch der Mord an der zehnjährigen, hübschen Tochter des Gastwirts erschüttert sie. Ein Mann, der Ich-Erzähler, über den man übrigens kaum etwas erfährt, versucht Licht ins Dunkel zu bringen, doch erst Jahre später kann er die Geschichte, zusammen mit vielen anderen, erzählen.
Es geht nun weniger um die Aufklärung des Mordes, als vielmehr um die Erkenntnis, dass jeder Bewohner des Ortes, stellvertretend für die gesamte Menschheit, sowohl Gutes als auch Böses in seiner Seele trägt. Somit gibt es weder nur weiße noch nur schwarze Seelen, sondern alle Seelen sind ausnahmslos grau. Im Prinzip könnte also jeder der Täter sein.
Der Ich-Erzähler beginnt nun die vielen miteinander zusammenhängenden Geschichten um Liebe, Verlust, Trauer, Tod und Verzweiflung zu erzählen. Nach und nach werden Einzelheiten bekannt, die aber nie zu einem ganzen Puzzle zusammengesetzt werden.
Dabei stellt sich heraus, dass jeder einzelne nicht frei von Schuld ist, unabhängig davon wie sehr er das Schwarze seiner Seele nach außen zu verbergen versucht und eine Maske trägt oder seinen Hass und seine Abscheu den Menschen gegenüber oder sogar gegen sich selbst offen zur Schau stellt und ohne Gewissen dementsprechend handelt. In Die grauen Seelen präsentiert uns Philippe Claudel nun die ganze Bandbreite an möglichen Menschen- und Seelentypen: der traurige Staatsanwalt Destinat, der zurückgezogen und einsam in einem riesigen Anwesen wohnt. Der sadistische Richter Mierck. Die Lehrerin Lysia Verhareine, die alle mit ihrem Lächeln verzaubert. Doch wie sieht es in ihrem Inneren aus? Welche Verbrechen hat der bretonische Deserteur begangen? Und nicht zuletzt der Ich-Erzähler, der mit seinem eigenen Schicksal zu kämpfen hat.
Doch jeder einzelne ist nicht von Geburt an böse, sondern es ist immer ein persönliches, tragisches Ereignis, das dazu geführt hat, dass die Seele ein bisschen schwärzer wird. Und umso mehr in Zeiten des Krieges, in die Claudel die interessanten Einzelschicksale bettet und die ganz unterschiedliche Auswirkungen, wenngleich durchweg negativ, auf die Menschen haben. Das Leben selbst scheint es unmöglich zu machen, eine reine, weiße Seele zu bewahren.
Philippe Claudel kreiert eine durchweg düstere, vom Thema des Todes bestimmte Atmosphäre. Der Roman bleibt von Anfang bis Ende geheimnisvoll und spannend. Trotz der vielen Zeitsprünge liest er sich durch die leise, leichte, elegante Sprache sehr gut.

Ein empfehlenswertes, kurzweiliges Buch, von dem man allerdings keinen raffinierten Handlungsverlauf erwarten darf, obwohl es mit einem Mord beginnt. Es ist vielmehr ein Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele, die in jedem von uns vorhanden sind.

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