Kalter Süden

von

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Anne Bubenzer, Dagmar Lendt

528 Seiten (gebunden)
Ullstein

Erscheinungsdatum: 14.08.2009

ISBN: 9783550087516

Rezension von

Verfasst am: 17.08.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Marbella, Millionärsvillen. Plötzlich erschüttert ein tödlicher Giftanschlag die Idylle. Opfer sind ein schwedischer Eishockey-Star und seine Familie.

Ein Mord, journalistisch betrachtet

“Kalter Süden”, der Titel fesselt. Spanien, “Nueva Andalucia”, ein Stadtteil von Marbella, dem mondänen Ort an der Costa del Sol, das macht neugierig. Der Anfang, “Die Nacht war pechschwarz”, scheint verlockend, motiviert zum Weiterlesen. Allerdings bricht dann das Geschehen nach drei Seiten urplötzlich ab. Und als nächstes kann man ein als Märchen getarntes Kapitel lesen. “Führer durfte nicht gestört werden”, steht dort. Adolf Hitler in einem Krimi? Seltsam. Von einem schlossähnlichen Gebäude ist die Rede. Mystisches steht im Vordergrund. “Friedrichstraße” liest man weiter – Berlin? Natürlich Berlin! Aber warum? Dann ohne Vorankündigung eine “Eilmeldung” einer Presseagentur. Eine Generalstaatsanwältin beantragt ein Wiederaufnahmeverfahren in einem Dreifachmord. Eine Generalstaatsanwältin will dieses Verfahren, weil sie den Verurteilten für unschuldig hält? Seltsam.
Worum geht es nun tatsächlich, könnte die erste Frage lauten. Der unvoreingenommene Leser ist zunächst einmal irritiert. Vielleicht blättert er um, liest weiter, vielleicht eher pflichtbewusst als interessiert, schließlich hat er sich das Buch mit den fünfhundert Seiten ja gekauft. Aber nach wenigen Seiten – unbestreitbar, ein gewisses Interesse ist nun vorhanden – wird eine Kontur sichtbar, die Geschichte erhält eine Struktur. Die Story beginnt zu fesseln. Man glaubt, dass sich Fragezeichen aufzulösen beginnen. Nicht alle, nein, aber Vermutungen regen sich. Die anfängliche Kollage aus einem Einbruch im fernen Spanien, einem Märchen, einer Presseagenturmeldung und den beginnenden Recherchen durch Annika Bengtzon, der journalistisch „ermittelnden“ schwedischen Zeitungsreporterin, bekommt eine Bedeutung. Auch die Randereignisse fügen sich in das Geschehen ein. Es wird spannender. Auftauchende Figuren bekommen eine Bedeutung – zumindest glaubt man das zu ahnen. Spanien taucht also wieder auf. Annika Bengtzon wird nach Marbella geschickt, um im Mord gegen die Familie eines bekannten Eishockey-Stars zu recherchieren. Ja, recherchieren, ausdrücklich nicht ermitteln. Mit Gas ist die gesamte Familie umgebracht worden. Bis auf eine Tochter. Sie weilte zur Zeit des Anschlags nicht im Haus. Gilt nun aber als vermisst. Der Tatort: Eine Villa in „Nueva Andalucia“. Dieser Tatort und die Vialla, alles spielt eine Rolle. Welche? Annika Bengtzon beginnt zu recherchieren. Anders als es professionelle Ermittler tun geht sie vor. Aber beileibe nicht dilettantisch, oh nein, eben journalistisch professionell. Man könnte auch sagen, erfrischend anders, erfrischend professionell anders. Und da wir nun schon beim Klima sind, man spürt förmlich die spanische Wärme auf der Haut, das Salz des Mittelmeers auf den Lippen und den Wind aus der nahen Sierra Nevada kommend in den Haaren. Wunderbar. Eigentlich fehlt nur noch Churros, chocolate con churros. Und man muss bereit sein, sich in die Geschichte hineinfallen zu lassen, so wie man Churros in die dicke Schokolade tunkt. Man muss bereit sein, sich von der Erzählung tragen zu lassen. Schwer ist es nicht. Nun nicht mehr.
Wieder ein eingeschobenes Märchen. Oder ist es gar keins? Übertragung der Wirklichkeit auf eine andere, mystische Ebne? Die Bedeutung dessen, was im Märchen angedeutet wird? Egal. Fesselnd ist es allemal. Ein kleines, schwarzhaariges Mädchen taucht in dem Märchen auf, gesellt sich zum hellblonden, das eine Prinzessin sein will. Alles spielt „in einem weit entfernten Land…in einer vom Mond eigentümlich beleuchteten Landschaft. Die Büsche rundum waren dornig und hoch, aber sie hatten keine Angst.“ Doch schon kommt die harte Realität. Dabei heißt es doch, „den lieben Gott gibt es, aber man kann ihn nicht sehen. Und den Weihnachtsmann kann man sehen, dabei gibt es den gar nicht.“ Welch treffende Aussage, um zum Thema zu kommen: Rauschgift. Darum schickt die Zeitung Annika Bengtzon noch einmal nach Spanien. Dieses Mal soll sie für eine Story recherchieren, die sich um Geldwäsche und um besagtes Rauschgift kümmert. Klar, dass sie dabei wie zufällig auf schon bekannte Personen trifft. Auf den schwedischen Polizisten, der verdeckt aber mit Genehmigung der spanischen Behörden an der Costa del Sol tätig ist. Sie trifft auf die schon lange in Spanien wohnende, einst aus Südamerika stammende, schwedische Dolmetscherin. Auch ihren geschiedenen Ehemann, der für die schwedische Regierung an einer Konferenz in Spanien teilnimmt, trifft sie. Gibraltar gerät ins Blickfeld. Und sie stellt fest, dass der vorhergehende „Fall“, die Sache mit dem Gas, von der spanischen Polizei ermittlungstechnisch als aufgeklärt angesehen wird. Annika Bengtzon allerdings ist anderer Ansicht. Sie recherchiert weiter. Und der Leser glaubt ihr. Er glaubt auch, die Geschichte zu durchschauen. Er stellt Vermutungen an, die sich seiner Meinung nach derart verdichten, dass ein Täter sichtbar zu werden scheint. Man glaubt, einen Strang, der alles aufklärt, in der Hand zu haben, zieht daran, und – hat doch nur einen losen Faden.
Der dritte Teil beginnt wieder märchenhaft. Zu den beiden bereits erwähnten Mädchen, das eine schwarzhaarig – ein Trollmädchen –, das andere blond – eine Prinzessin –, gesellt sich ein Engel. Und dieser Engel stellt sich schützend vor die beiden anderen. Der Engel verjagt das Böse. So zum Beispiel den Jungen, der Schielauge genannt wird, und den Mädchen nachstellt. Und der Engel berichtet von einer neuen Welt, in der es einen „großen Mann gab, der einen schlimmen Krieg verloren hatte“. Und das Märchen – nur um ein solches kann es sich handeln – endet damit, dass erstens Schielauge von den Mädchen erschlagen wird, weil er zu aufdringlich wurde, und dass des Engels lange Reise in die Unterwelt nun ihren Anfang nimmt.
Die Realität nimmt wieder Besitz vom Leser. Aber nun, allmählich, ziemlich tief in die Geschichte eingedrungen, wird klar, es gibt eine Verbindung der eingestreuten Märchen zur übrigen Erzählung, zum Kriminalfall. Die Märchen verlieren das Märchenhafte. Motive zur Tat treten hervor. Der Gasmord, die Geldwäsche und der Handel mit Rauschgift werden miteinander verflochten. Wieder sind wir am Mittelmeer gelandet. Nur das Ufer hat gewechselt. Annika, die Journalistin, nimmt uns mit nach Afrika. Marokko. Eine kleine Stadt. Aber die bleibt links liegen. Eine Farm, weit außerhalb liegend, ist ihr Ziel. Dort soll sich das von ihr gesuchte Mädchen, dessen Eltern und Geschwister bei dem bereits eingangs erwähnten Gasmord umgekommen sind, versteckt halten – oder versteckt gehalten werden. Nun wird aus der flotten, nichts verschweigenden Geschichte – was das Privatleben der Journalistin betrifft –, (wieder) ein Krimi. Aber Gottlob auch wieder ein fast poetisch zu nennender Roman. Doch dann zieht ein Gewitter auf, und es fallen in stockdunkler Nacht Schüsse. Es fließt Blut. Reichlich Blut. Mehr als in der gesamten Geschichte vorher. Und grausam wird es. Hinterköpfe werden einfach weggeschossen. Wie ekelig. Dabei hätte das Blut gar nicht in Strömen fließen müssen, in einer Geschichte, die oft hintergründig daher kommt, die es gar nicht nötig hat, dass so viel Blut vergossen wird.
Wie dem auch sei, einiges klärt sich auf. Nicht alles. Man spricht in einem solchen Fall von einem Cliffhanger. Fragen bleiben demnach offen. Aber diese nicht gelösten Fragezeichen stören nicht wirklich. Im Gegenteil, sie regen die Fantasie (des geneigten Lesers) an. Warum auch nicht.
Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kriminalromanen. Aber dieser? … Er ist fantastisch – bis aufs Blut!

Lesenwert, wenn man bereit ist, sich auf Neues einzulassen.

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (8):

  • 3.7500/5 Sterne.

Leserbewertung (1):

  • Momentan 3/5 Sterne.

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