Jenseitsnovelle

von

Novelle

128 Seiten (gebunden)
Hoffmann und Campe

Erscheinungsdatum: 17.09.2009

ISBN: 9783455401943

Rezension von

Verfasst am: 17.09.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Wer kann sich das Jenseits schon vorstellen?

Mit Angst und Bangen schaut die noch junge Dorothee Wilhelmine Renate Gräfin von Hagelstein auf ihr Ende, weil sie die unmöglichsten Jenseitsvorstellungen plagen. Sie gehörte in jungen Jahren zu den hoffnungsvollsten Sinologen an der FU in Berlin!

Als der angehende und etwas glücklose Professor Schepp, ebenfalls Sinologe, sich mit ihr zusammen tut, kann er sie trösten. Vor einem Bild in der Nationalgalerie mit einem Felsen im See hält er ihre Hand und verspricht ihr, sie in ferner Zeit zu dem imaginären See zu begleiten, hinter dem Doro das Jenseits vermutet. Bald darauf ist sie mit ihm verheiratet!

Nun sind sie alt geworden und der große See ist nicht mehr fern!

Schepp findet seine Frau eines Morgens tot am Schreibtisch. Der unerwartete Tod versetzt ihn in Schock, Trauer und Erklärungsnotstand, denn seine Frau hat ihm ein schriftliches Vermächtnis hinterlassen. Auf diese Weise kommt eine lang’ verborgene Wahrheit ans Licht.
Das scheinbar korrekte Bild seiner Ehe mit Doro zerfällt nach ihrem plötzlichen Tod in viele Einzelteile, die den Leser irre machen und vielfältige Assoziationen wecken.

Während Schepp beim Studieren der vorgefundenen Zeilen unter dem toten Haupt seiner Gattin nach den Ursachen und Quellen furchtbarer Eröffnungen sucht, berührt die Erzählung mit den beschriebenen Gerüchen und der Totenstarre ganz irdische Züge. Sie holen den Leser immer wieder rechtzeitig in die Gegenwart zurück.
Hin und her gerissen zwischen irdischem Sein und der sich eröffnenden Perspektive auf eine ganz und gar nicht so reine Ehe, wie sie uns Schepp weismachen will, erfahren wir Wahrheiten aus dem Leben eines Mannes, der sich im schönen Schein gesonnt hat.

Matthias Polyticki scheut vor keinem makaberen Detail zurück. Der Stil wechselt zwischen weihevoller und bürgerlicher Wohlanständigkeit und der Lebensgier eines ausgehungerten Fauns ähnlich dem berühmten Professor Unrat aus Heinrichs Manns ebenso berühmten Roman, den wir in der Figur des Hinrich Schepp wieder erkennen. Wie ist er wirklich, der sich hinter dem verborgenen Schein eines Wesens versteckte, das seine Frau zu durchschauen glaubte?

Ausgeburten von Fantasien beschreiben Szenen, in denen man sich den Professor durchaus als ausschweifenden Lüstling vorstellen kann. Er ist verklemmt, umständlich und erscheint als Sonderling. Mit 65 Jahren steht er vor den Scherben seines vermeintlichen Glücks. Noch jetzt, im Angesicht des Todes, kann er nicht fassen, was er da zu lesen bekommt.
Ist er ein Tölpel? Hat er den Anschluss an die Realitäten des Lebens verpasst? Wir dürfen uns überraschen lassen!

Mit spitzer Feder und den fein beobachteten Fehleinschätzungen von Hinrich Schepp und seiner Frau Doro demonstriert uns der Autor die Wirklichkeit. Das gelungene Soziogramm einer Ehe kann uns das Fürchten lehren über die Grenzen von Verständnis, die Eifersucht und die verwegenen Pfade, in denen eheliche Beziehungen enden können.

Dem Autor ist mit der Geschichte des unglücklich- glücklichen Hinrich Schepp eine brisante und ausgezeichnete, kurze und inhaltsreiche Novelle gelungen, die mit Erkenntnissen aus dem wahren Leben zwischen Mann und Frau aufwartet.

Man ist entzückt über so viel Lebensweisheit und die realistisch-bezaubernde Geschichte, die uns die Welt so nahe bringt und den ganzen Reichtum des Lebens in sich birgt.

Migliedermeinung

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