Verbrechen

von

Stories

208 Seiten (gebunden)
Piper Verlag

Erscheinungsdatum: 19.08.2009

ISBN: 9783492053624

Rezension von

Verfasst am: 07.10.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Verbrechen und Strafe: sind diese beiden Vorgänge in der Folgerichtigkeit immer verständlich?

Über das Buch des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach wird in fast allen einschlägigen Zeitungen berichtet. Man konnte den Autor auch schon im Fernsehen erleben. Sein Buch über „Verbrechen“ wird sicher zu den Rennern dieses Herbstes zählen. Die aus seinem Beruf als Strafverteidiger gewonnenen Erkenntnisse und Fallbeispiele über Verbrechen und Strafe sind frappierend, eindrucksvoll und überaus spannend.

Man fragt sich: könnte man sich die beschriebenen Taten überhaupt ausdenken? Wenn nicht: wie kann man die berichteten Verbrechen, wenn sie denn realen Vorgängen entsprechen, so verfremden, dass man die Straftäter nicht erkennt?

Hier kommt ein Erzähler zu Wort, der den Verstand und die Sachkenntnis gekoppelt mit Menschenkenntnis in eine literarische Form zu bringen versteht, die absolut glaubwürdig und höchst faszinierend aus dem Alltag eines Strafverteidigers zu berichten weiß.
Klar, sachlich und nüchtern referierend werden die unglaublichsten Verbrechen geschildert. Herausragend ist die Eingansgeschichte des Ehemannes, der seine Frau nach vierzig Ehejahren umbringt. Von Schirach äußerte in einer Talkrunde: jeder von uns kann an den Rand eines Zustandes geraten, in dem er einem anderen den Hals umdrehen möchte. Wie viel psychologischer Verstand steckt in dieser Bemerkung! Von Schirach schließt im Prinzip die Seelenkunde als Hilfsmittel für seine Arbeit aus: ihm geht es nach eigenen Aussagen alleine um den Straftatbestand, und ob dieser beweisbar ist. Die Schuldfrage interessiert ihn für seine Arbeit mit dem Mandanten nicht. Hier spricht der Jurist, der streng nach Maßgabe des Rechts handelt, und der nur seinem Beruf als Verteidiger verpflichtet ist. Eine zweite Seite seiner Beobachtungsgabe zeigt von Schirach als einen Menschen, der sehr wohl sieht, in welche Abgründe Menschen unabsichtlich geraten können, wenn die Psyche in ihrer Leidensfähigkeit überstrapaziert wird und mit einem Fass des Überlaufens zu vergleichen ist.

Allen Fällen haftet Glaubwürdigkeit an, die in ihrer Abartigkeit allerdings beinahe unvorstellbar ist. Verbrechenssyndikate zeigen ihre ganze Grausamkeit im System; kleinere Gangs wüten mit der Macht ihrer Hierarchien, und einfache Mörder handeln aus der Ausweglosigkeit ihrer unerträglichen Lage, wie der Geschwistermord zeigt. Auch die wütend maßlose Überreaktion verwahrloster Jugendlicher wird in ihrem Handeln transparent dargestellt. Jeder handelt in seinem System folgerichtig. Da wir jedoch im Prozess der Zivilisation leben, gibt es die Instanz der Strafjustiz, die vor Gericht eine begangene Straftat zu ahnden hat. Unser Rechtssystem ist Garant für die Einhaltung der gesetzlichen Regeln, auf deren Grundlage unser Zusammenleben baut, damit wir einander nicht totschlagen.

Die Lektüre öffnet den Blick für die Abgründe im Menschen und gibt einen Ausschnitt preis, der verdächtig – faszinierend Angst-Lust auslösend auf diese Abgründe hinweist.

Ferdinand von Schirach hat einen unbestechlichen und klaren Blick für die Mörder, Verbrecher und Betrüger entwickelt, und er scheint sein Handwerk zu verstehen. Zugleich ist er ein glänzender Erzähler in seiner Präzision und offenen Gradlinigkeit.

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (6):

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