Arztgeschichten

von

autobiographischer Roman

Aus dem Russischen von Thomas Reschke

144 Seiten (Taschenbuch)
Luchterhand Literaturverlag

Erscheinungsdatum: 05.10.2009

ISBN: 9783630621838

Rezension von

Verfasst am: 23.10.2009

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Armut, Kälte und ein spätes Dichterleben.

Bevor er sich ganz der Schriftstellerei widmete, hat der russische Dichter Michail Bulgakow Medizin studiert und als Landarzt gearbeitet. Er lebte von 1891 -1940 und galt als großer Satiriker der russischen Literatur.

In seinen biographischen Arztgeschichten hat er beschrieben, wie es sich als Landarzt in Russland um 1916 lebte.
Frisch von der Universität in Moskau kommend verschlägt es ihn in die Einöde einer Landarztpraxis, und er muss ohne elektrisches Licht oder fließendes Wasser auskommen. Die Ausstattung der medizinischen Vorrichtungen und der beschriebene Lebenskomfort spotten jeder Beschreibung.
Hilflos sieht sich der junge Arzt mit den schwierigsten Fällen konfrontiert. Kein älterer Kollege ist in der Nähe, mit dem er sich beraten könnte. So nimmt er mutig und getrieben von der Not sehr riskante Operationen vor und hilft bei komplizierten Entbindungen und Unfällen.
Bulgakow berichtet ungeschminkt und offen, welche Ängste er aussteht, bevor er sich ans Werk macht. Zu seinen Aufgaben gehören eine Amputation und ein Luftröhrenschnitt. Man sieht ihn über sein Operationsfeld gebeugt, Schweiß läuft ihm übers Gesicht, doch seine Hände arbeiten fest und zielsicher. Zwischendurch stürzt er zu den Lehrbüchern, in denen er nachsieht, wie man vorzugehen hat. Die Wirklichkeit ist härter. Sicher und tatkräftig geht er seinem Beruf nach und gelangt zu Anerkennung und Ruhm, denn er erreicht in vielen Fällen die Heilung der schwer erkrankten Patienten.
Später findet er die Aufzeichnungen seines Nachfolgers auf dem Landarztposten. Dieser war den harten Lebensbedingungen, den Schneestürmen, der Kälte und Dunkelheit nicht gewachsen. Er verfiel in Melancholie, wurde Morphinist und nahm sich zuletzt das Leben.

„Kluge Leute haben längst herausgefunden, dass es mit dem Glück so wie mit der Gesundheit ist: wenn man es hat, bemerkt man es nicht. Aber die Jahre vergehen, und dann erinnert man sich an das Glück, oh, wie man sich erinnert!“

So geht es ihm, dem großen und inzwischen allseits anerkannten Dichter Russlands, der sich glücklich schätzte, als er der Einöde entfliehen und in der nächsten Kreisstadt seine Erfolge als Arzt feiern konnte.
Spät erst entschließt er sich endgültig zum Schreiben. Er war Essayist, schrieb Dramen und Artikel für Zeitungen und engagierte sich politisch, womit er bei Stalin in Ungnade fiel.

Mit diesem kleinen Büchlein mit Aufzeichnungen aus seiner Tätigkeit als Arzt bekommt man einen Eindruck von seiner Sprachgewalt, seiner feinfühligen Wiedergabe tiefster Ängste und Verlassenheitsgefühle und der dramatischen Begabung, schreckliche Vorkommnisse und Erfahrungen anschaulich zu schildern.
Man meint die Kälte, die Leere und die Entbehrungen am eigenen Leibe zu verspüren. Melancholie, tiefe Einsamkeit und eine gewisse Duldsamkeit sind Begleiterscheinungen in einem Land, das zu Vor – und Revolutionszeiten noch ganz im Nachhall vergangener Zarenherrschaft und Leibeigenschaft stand. Bulgakow hat die Zustände wieder gegeben, und man fühlt sich nachhaltig angezogen von seiner poetischen und eindrucksvollen Darstellung.

Unter der Zensur Stalins waren Michail Bulgakows Schriften verboten. Erst nach seinem Tod erfuhr er die ihm gebührende Anerkennung als großer russischer Schriftsteller und Satiriker.

Die Aufmachung aus der Sammlung Luchterhand ist bibliophil und ansprechend, und die Übersetzung von Thomas Reschke wird dem Text ausgezeichnet gerecht.

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