Nachtzug nach Lissabon

Nachtzug nach Lissabon

von

Roman

496 Seiten (gebunden)
Carl Hanser Verlag

Erscheinungsdatum: August 2004

ISBN: 9783446205550

Ein philosophischer Roman über einen, der aufbrach um der verrinnenden Zeit zu entkommen und ein erfüllteres Leben zu suchen.

Der Berner Lehrer für Altphilologie Raimund Gregorius – etwas spießig, langweilig, aber tadellos in seinem Fach und stets zuverlässig – wird eines Tages plötzlich von dem Bewusstsein von der verrinenden Zeit überkommen, die an ihm vorbeifließt, und von dem Gefühl sein Leben bisher nicht richtig gelebt zu haben. Nachdem er blitzartig während des Unterrichts aus seiner Klasse verschwindet, findet er in einer Buchhandlung ein Buch von dem portugiesischen Arzt Amadeu de Prado. Dessen Portrait sowie Aufzeichnungen seiner Gedanken über Leben, Tod, Liebe, Loyalität und Erfahrungen der menschlichen Seele faszinieren ihn. Einer Art Eingebung folgend beschließt er sein geordnetes Leben in dem ihm so vertrauten Bern hinter sich zu lassen und nach Lissabon aufzubrechen um zu erfahren wer der Mensch Amadeu de Prado war. In der portugiesischen Großstadt angekommen, schafft er es prompt, die Menschen ausfindig zu machen, die mit Prado zu tun gehabt hatten, der selbst seit langem tot ist. Gregorius trifft die verschiedensten Personen, die ihm Dinge aus ihrem Leben mit Prado erzählen. Und so erfährt er Stück für Stück immer mehr über den Arzt, „ein Arzt, der seinen Beruf mit steinerner Konsequenz ausgeübt hatte. Ein Widerstandskämpfer, der unter Lebensgefahr eine Schuld abzutragen versuchte, die keine war. Ein Goldschmied der Worte, dessen tiefste Leidenschaft gewesen war, die schweigsamen Erfahrungen des menschlichen Lebens ihrer Stummheit zu entreißen.“ Gregorius steigert sich immer mehr in die Welt und das Leben von Prado hinein.

Es ist doch schon merkwürdig, dass man einem Phantom hinterher jagt, das man nie gekannt hat und das seit Jahrzehnten tot ist und sich dadurch ein erfüllteres, ein spannenderes Leben erhofft, anstatt einfach sich und sein Leben so anzunehmen wie es ist. Die Motivation hinter Gregorius’ Handeln bleibt stellenweise auf der Strecke. Man mag sich noch vorstellen, dass man bei dem Gefühl der Kürze des Lebens und der davon laufenden Zeit von einer Angst gepackt wird, nicht genug Erfahrungen gemacht zu haben, die ein Leben ausfüllen und dass man auf dem Sterbebett, in dem Moment wo man dem Tod ins Gesicht blickt, vielleicht einiges bereut und sich wünschte noch dieses oder jenes getan zu haben. Aber dass der Zufall einem so ungehindert wie bei Gregorius ein neues Leben zu Füßen legt, ist doch recht unwahrscheinlich.
Einfach davonlaufen, in ein anderes Land, eine andere Mentalität, scheint wohl keine Lösung zu sein. Und was nun Gregorius letztendlich für sich persönlich und sein Leben aus diesen Erfahrungen zieht, bleibt weitestgehend unklar. Auch wird Gregorius immer häufiger von Schwindelanfällen heimgesucht und muss schließlich zu Untersuchungen nach Bern zurückkehren. Denn nur in seinem Heimatland, seiner gewohnten Umgebung, kann er sich in seiner Muttersprache in das Vertrauen der Ärzte begeben. Letztendlich, so zieht man als Leser den Schluss, ist eines jeden Leben so einzigartig und geprägt von so vielen persönlichen Erfahrungen, Eindrücken, Mitmenschen und nicht zuletzt von der Zeit, in der man lebt, dass es unmöglich erscheint einfach auszubrechen und sich womöglich in das Leben eines anderen zu flüchten, weil man sich dort mehr Spannung und Erfüllung erhofft.

Der Roman ist gespickt von philosophischen Abhandlungen über das Leben. Diese gestalten das Lesen teilweise anstrengend, doch man wird unweigerlich zum Denken und Nachdenken angeregt und zieht automatisch Parallelen zum eigenen Leben. Es sind Fragen über den Charakter einer Seele, darüber, was eigentlich ein erfülltes Leben auszeichnet, welcher Mensch man vielleicht in der Gegenwart wäre, wenn man an einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit einen anderen Abzweig an der Weggabelung gewählt hätte. Wodurch wird eigentlich bestimmt welchen Weg wir einschlagen? Über diese und viele andere Themen wird reflektiert. Und das ist auch die eigentliche Stärke des Romans. Schwächen hingegen zeigt er beim Handlungsverlauf, der stellenweise unrealistisch und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Die bereits undurchsichtige oder fehlende Motivation nicht nur hinter Gregorius’ Handeln, sondern auch das der anderen Figuren, habe ich bereits angesprochen. So scheinen sich die Figuren ohne jegliches Hindernis wie Marionetten durch die Geschichte zu bewegen, immer so platziert wie sie gerade hinein passen. Gleich zu Anfang des Romans taucht wie vom Himmel herabgeschwebt eine hübsche Portugiesin in Bern auf, die Gregorius eine Telefonnummer auf die Stirn schreibt. Was aus der Nummer und der Frau geworden ist, wird im ganzen Buch nicht mehr erwähnt. Zudem ist es kaum vorstellbar, dass man es innerhalb von wenigen Tagen in einer fremden Großstadt, ohne die Sprache zu sprechen, schafft, genau die Menschen ausfindig zu machen, nach denen man sucht. Und die einem dann auch noch genau das erzählen, was man sich erhofft hat. Die Spannung dieser Berichte bleibt etwas auf der Strecke, so dass der Roman an manchen Stellen doch sehr wiederkäuend und in die Länge gezogen wirkt.
Gut wiederum sind die Sprache und der Stil, die Mercier verwendet. Wie kompakt und gut verpackt er manche Sachverhalte zu beschreiben weiß, die der Leser dann wieder aufdröseln muss – eine angenehme Herausforderung.

Alles in allem kein Roman, der seichte Unterhaltung bietet, sondern dem Leser eher eine angestrengte Aufmerksamkeit abverlangt. Interessant wird er durch die philosophischen Passagen. Der Handlungsverlauf überzeugt allerdings nicht. Vieles wirkt in die Länge gezogen und zu unrealistisch, so dass man mehrfach versucht ist, das Buch wieder in die Ecke zu legen. Auch wird der Leser am Ende mit zu vielen offenen Fragen in der Luft hängen gelassen. Positiv zu bewerten sind der Erzählstil sowie die Anregung zum Nachdenken über das eigene Leben.

Rezensionen zu diesem Buch (1)

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Verfasst von am 06.02.2008

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