Ihr kriegt mich nicht klein

von

Sachbuch

208 Seiten (Taschenbuch)
Kiepenheuer & Witsch

Erscheinungsdatum: 22.02.2010

ISBN: 9783462041859

Rezension von

Verfasst am: 18.02.2010

Bewertung:

  • 3/5 Sterne.

Unterdrückungssysteme in einem demokratischen Staat!

Stellvertretend für viele andere Verkäuferinnen und Verkäufer schildert Ulrike Schramm-de Robertis ihre Abenteuer mit einem die Mitarbeiter ausbeutenden Verkaufssystem bei Lidl, das sie analysiert und anprangert.

Schon als junge Frau wurde sie mit Begeisterung Verkäuferin, weil sie gerne mit Menschen zu tun hatte. Zuerst im Haushaltswarengeschäft später dann in der Bekleidungsbranche tat sie sich um und war immer zufrieden. Ihre Arbeitgeber entstammten zumeist traditionellen Familienunternehmen. Nach der Geburt ihrer vier Kinder und einer gescheiterten Ehe gelangte sie in die ersten größeren Filialgeschäfte einer Bekleidungskette. Hier wehte ein rauer Wind, denn es wurde scharf kalkuliert und den Mitarbeitern harte Arbeit unter extremen Zeitdruck abverlangt. Teilweise schliefen die Mitarbeiterinnen in der Firma, um möglichst schnell am Morgen wieder bei der Arbeit zu sein. Ulrike arbeitete sich schließlich zur Filialleiterin einer Lebensmittelkette hoch. Jetzt lernte sie das Leben von einer wirklich unfreundlichen und wenig menschlich geprägten Arbeitgeberseite kennen. Es ging nur noch um Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf die gesundheitlichen oder familiären Belange der Mitarbeiter. Falsche Versprechungen, unsolide Arbeitsverträge und allgemeines Mobbing wurden für sie zu einer Erfahrung, die sie an den Rand ihrer psychischen und physischen Leistungsfähigkeit brachten. Sie begriff, dass ihre Arbeitsbedingungen eine zumutbare Grenze überschritten hatten und begann, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Der Kampf Arbeitgeber kontra Arbeitnehmer bekam eine Dimension, die ihr übermenschliche Kräfte und soziales Engagement abverlangte.

In der Manier eines Günter Wallraf, besser jedoch noch als dieser, da sie selbst unmittelbar in ihrer Existenz betroffen war, fand sie den Mut zur Auflehnung und zur Gründung eines Betriebsrates in ihrer Lidl-Filiale.

Das Buch von Ulrike Schramm-de Robertis ist eine heftige Anklage gegen Discountläden und deren reiche Besitzer, die mit den Billigpreisen zugleich eine unzumutbare Ausbeutung ihrer Mitarbeiter betreiben. Mutig und couragiert setzte sich Frau Schramm-de Robertis zur Wehr gegen ein System, in dem sich einige wenige auf Kosten anderer gut eingerichtet haben. Sie hat sich durchgesetzt und gibt ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, für legitime Rechte zu kämpfen. Es kostet Überzeugungsarbeit und bedarf des Selbstbewusstseins, sich durch den Berg infamer Schikanen hindurchzuarbeiten, um am Ende um der gerechten Sache willen zu siegen. Sie wird die erste Betriebsrätin in einer Lidl Filiale.
Die beschriebenen Zustände in den Discountmärkten lösen Wut und Empörung aus, und man bangt als Leser mit Ulrike Schramm-de Robertis um den Erfolg ihrer Anstrengungen.
Sie hat ein überzeugendes und ausgezeichnetes Dokument über das Unrechtverhalten von Arbeitgebern geschrieben, die aus Geldgier keine Toleranz walten lassen und zu keinen Zugeständnissen im Sinne des Arbeitnehmerrechts bereit sind, die laut Betriebsverfassungsgesetz zur Regelung von Arbeitsverhältnissen bestehen.

Ihr Text wird mit Gesetzestexten und Auszügen aus Zeitungsberichten sachlich untermauert.
Freiheit und Demokratie sind hohe Güter, die leider zu oft unterlaufen und mit Füßen getreten werden! Ein Lob der mutigen Kämpferin für mehr Rechte und korrektes Arbeitgeberverhalten.

Migliedermeinung

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