Eine poetische Hommage an Freundschaft und Liebe vor dem Hintergrund eines von Auseinandersetzungen und zugleich Sehnsucht nach Versöhnung geprägten Algeriens
Schon der Beginn des Buches zieht einen in den Bann. Sprachlich wunderbar lässt Khadra den Ich-Erzähler Younes dessen Geschichte erzählen, an deren Anfang, in den 1930er Jahren, er 10 Jahre alt ist und zusammen mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester auf einem Hof im ländlichen Algerien lebt. Sie haben es nicht leicht, schaffen es gerade so zu überleben, doch die kommende Ernte verspricht bessere Zeiten. Bis ein Brand die Felder der Familie und damit die Ernte, in die sie all ihre Zukunftshoffnungen gesetzt hatten, zerstört. „Da begriff ich, dass unsere Schutzheiligen uns unwiderruflich verstoßen hatten und dass fortan, bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, das Unglück unser Schicksal war“, kommentiert Younes die Katastrophe, die so wie viele andere die Familie erneut heimgesucht hat. Die Familie zieht in die Stadt Oran, lebt dort unter erbärmlichen, lebensunwürdigen Bedingungen. Doch Younes hat Glück. Sein Onkel, ein angesehener Apotheker in der Stadt, nimmt ihn bei sich auf, ermöglicht ihm eine Schulausbildung und den Start in ein besseres Leben. Und aus Younes wird der Jugendliche Jonas, der sich einer Jungen-Clique anschließt und seiner großen, lebenslangen Liebe Emilie begegnet, die allerdings auch unter keinem guten Stern zu stehen scheint …
Die Geschichte des Ich-Erzählers spielt sich vor dem geschichtlich-politischen Hintergrund Algeriens ab: die seit Ende der 1930er Jahre bestehende algerische Unabhängigkeitsbewegung, der Algerienkrieg (1954-1962), der von beiden Seiten mit äußerster Härte geführt wurde und schließlich die Erkämpfung der Unabhängigkeit des algerischen Volkes unter Führung der Nationalen Befreiungsfront (Front de Libération Nationale). Die Auswirkungen all dieser politischen Kämpfe stellt Khadra anhand der persönlichen Lebenssituationen und Ereignisse, die seiner Gruppe junger Protagonisten widerfahren, eindrucksvoll und berührend dar. Auch Younes sitzt zwischen den Stühlen: als Junge arabischer Herkunft wächst er im französischen Viertel der Stadt Rio Salado auf, hat französische Freunde und sieht sich im Angesicht des Krieges vor den unlösbaren Konflikt gestellt, sich entscheiden zu müssen, zu welcher Seite er denn nun gehört. Khadra gelingt es, diese vielfältigen, den ganzen Roman umspannenden Konflikte hervorragend und nachvollziehbar darzustellen, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Am Ende des Romans, die Freunde der Jugend-Clique sind mittlerweile im Greisenalter und alle außer Jonas im französischen Exil, lässt Khadra eine seiner Figuren treffend resümieren: „Warum hat man uns alle in denselben Topf geworfen? Warum ließ man uns für die Taten einer Handvoll Großgrundbesitzer büßen? Warum machte man uns glauben, wir seien Fremdlinge auf der Erde, auf der unsere Väter, Großväter und Ururgroßväter zur Welt gekommen sind, seien die Thronräuber eines Landes, das wir mit eigenen Händen erbaut und mit unserem Schweiß und Blut gedüngt haben …? Solange wir darauf keine Antwort haben, wird die Wunde niemals heilen.“
Wenn sich an diesem Roman eine kleine Schwäche finden ließe, so wäre dies mein Eindruck, dass Khadra es nicht durchgehend schafft, sein bemerkenswertes Sprachniveau vom Anfang zu halten – man schwebte ja förmlich von Satz zu Satz – so dass die Schilderungen einzelner Szenen, seien sie auch noch so interessant, vergleichsweise etwas platt daherkommt.
Dies tut der Qualität des gesamten Romans allerdings keinen Abbruch, vor allem auch weil die Botschaft des Romans so konsequent und ausgezeichnet vermittelt wird, dass es einen emotional nicht kalt lassen kann. Inhaltlich ist der Roman nämlich vor allem deshalb sehr schön, weil er zeigt, dass das Wichtigste im Leben, nämlich Freundschaft und die Liebe sowie die Hoffnung auf Versöhnung, alles überdauert, jedes Missverständnis gleich welcher Art, Kriege, Schicksalsschläge und sogar den Tod.
Es ist ein Buch, das trotz winziger Schwächen durchaus lesens- und empfehlenswert ist und das einem auch nach beendeter Lektüre nicht so schnell aus dem Kopf gehen wird.
Yasmina Khadra, der seit 2000 selbst im Exil lebt und erst dann sein Pseudonym lüften konnte (denn eigentlich heißt er Mohammed Moulessehoul), wurde vollkommen zu Recht für diesen Roman hochgelobt und mit Preisen ausgezeichnet.
