Organisieren von Freiheit

von

Soziologie

316 Seiten (broschiert)
VS Verlag

Erscheinungsdatum: 11.02.2010

ISBN: 9783531172842

Rezension von

Verfasst am: 25.05.2010

Bewertung:

  • 3/5 Sterne.

Moderne Nomaden

Unsere Gegenwart ist geprägt von einem hohen Maß individueller Freiheit. Der individuellen Freiheit korrespondiert ein ebenso hohes Maß an gesellschaftlicher Freiheit. Wie sich diese Freiheit darstellt und welche Chancen, aber auch Risiken beim Umgang mit Freiheit zu beachten sind, diesem Thema wendet sich Mario Vötsch anhand einer ausführlichen Betrachtung der Freiheit an sich und einer konkreten „freien“ Gruppe zu.

Nicht die normative Klärung des Begriffes Freiheit steht dabei im Mittelpunkt seiner Gedanken, sondern eine Betrachtung des Vollzugs der Freiheit in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Es geht um die Praktiken, die konkreten Bedingungen, vorliegende Beschränkungen und Effekte der Freiheit.

Durch die Betrachtung der Form statt des Inhaltes gewinnt Mario Vötsch die Freiheit, sich von abstrakten Gebäuden zu lösen, stattdessen Handlungsfelder der Freiheit zu erschließen und diese einer reflektierten Nutzung zuzuführen. Durch welche Praktiken gelingt es, sich in der modernen Welt Handlungsspielräume zu verschaffen? Dies ist die Leitfrage, die sich durch das Buch hindurch zieht.

Im Aufbau betrachtet Mario Vötsch zunächst Konzeptionen von Freiheitspraktiken in Gegenüberstellungen von Ideal und Form, Regierung und Praxis, Ordnung und Organisation, bevor er sich noch im ersten Hauptteil dem eigentlichen Schwerpunkt seines Betrachtungsfeldes zuwendet, der „nomadischen Praxis“ modernen Lebens. Ein zweiter Hauptteil bindet die verwendeten Methoden ein, hier folgt Vötsch im Kern einem post-Positivismus, indem er zugrunde legt, dass die Welt vieldeutig, ambivalent und komplex sich darstellt, der Betrachter (Forscher) nicht als neutraler Beobachter objektiv, sondern als Beteiligter leidenschaftlich und subjektiv sich seinem Forschungsobjekt zuwendet.

Auf dieser Basis folgt der umfassendste Teil des Buches. Am Beispiel freischaffender Kulturarbeiter, im Besonderen der „Plattform Mobile Kulturinitiativen“ (p.m.k.) in Innsbruck vertieft Vötsch seine Betrachtung eines „Organisierens von Freiheit“ durch eben jene Organisation eines nomadisch-mobilen Zusammenschlusses freier Kulturschaffender.
Unter „Nomadisch“ definiert Vötsch Praktiken, die ohne nachhaltigen Anspruch auf Ort und Eigentum vollzogen werde und sich in jenem Freiraum des Handelns entfalten, der sich zwischen System und Individuum und Ordnung und Organisation auftut.
„Nomaden besetzen einen Raum, ohne ihn zu beherrschen“ und befinden sich damit in der notwendigen Freiheit, den Raum verändert, aber entwicklungsoffen zurückzulassen und selber ebenfalls verändert, aber entwicklungsoffen sich anderen Räumen zuzuwenden.

Anhand der p.m.k. beschreibt Vötsch die Entfaltung von Handlungsspielräumen einerseits und die notwendigen Machtstrukturen einer Organisation zur Verankerung von Freiheit für die individuellen Teilnehmer an der Organisation. Die spezifische Qualität des Handelns in solch geschaffenen Freiräumen ergibt sich aus der Abwesenheit des „Irgend-etwas-tun-müssen“ und stellt somit einen Raum weitestgehend freier Entfaltung zur Verfügung.

Mario Vötsch arbeitet wissenschaftlich gründlich, das breite Literaturverzeichnis zeigt auf, dass ein umfassender Blick auf die Soziologie der Freiheit und die kulturgeschichtliche Entwicklung vorliegt. Die einzelnen Ergebnisse sind, seinem Grundansatz treu bleibend, aus der Praxis der Freiheit heraus beschrieben und an dieser Praxis dann gemessen.

Verständlich im Blick auf die Breite des Themas, dennoch aber bedauerlich ist die thematische Einengung auf eine konkrete Gruppe Kulturschaffender an einem konkreten Ort. Selbstverständlich können generalisierende Elemente anhand der Untersuchung der p.m.k. herausgelesen werden, der Kulturbetrieb als solcher ist (und war es zu allen Zeiten) allerdings ein sehr spezieller gesellschaftlicher Ort und in seinen Möglichkeiten nicht unbedingt der gesellschaftlichen Breite vergleichbar.

Dass ein „Nomadentum“ mittlerweile weite Bereiche des gegenwärtigen Lebens durchzieht und die bis vor kurzem eher üblichen linearen Lebensläufe kaum mehr zulässt, das liegt nur implizit im Buch vor.
Zu wenig in meine Augen für dieses wesentliche Thema substanzieller gesellschaftlicher Veränderung. Die herausgearbeiteten Möglichkeiten der Schaffung von Freiräumen und deren Gestaltung und damit Sicherung im Leben sind notwendige Momente des modernen Lebens, die weit über den Bereich der Kulturschaffenden herausgeht.

Hervorragend gelungen die Betrachtungen des Organisierens von Freiheit, es fehlt die dezidierte Übertragung in die gesellschaftliche Breite hinein.

Sprachlich ist das Buch dem Laien nicht einfach zugänglich. Die komplexe wissenschaftliche Sprache und die Notwendigkeit, vielfach Betrachtungen der Praxis begrifflich zu definieren verlangen eine hohe Konzentration, die sich allerdings lohnt im Blick auf die gewonnen Erkenntnisse zu einer Umsetzung von in hohem Maße gegebene Freiheitsräumen, Freiheitsmöglichkeiten und auch Freiheitsanforderungen des gegenwärtigen Lebens.

„Nomadisches Leben“ greift in unsere Zeit, bedingt durch neue, dezentrale Strukturen des Arbeitslebens, durch ein hohes Maß individueller Freiheitsmöglichkeiten samt seiner Chancen und Risiken und durch die Offenheit einer globalisierten Welt mehr und mehr um sich.
An welchen Schnittstellen genau sich hier Freiheitsräume öffnen, individuelle Freiheiten gelebt werden können, persönliche Freiheit sich strukturell organisieren lässt und welchen Regeln ein solches organisiertes Gefüge der Freiheit zu folgen hat, das alles wird dezidiert und gründlich betrachtet und dargestellt. Ein wichtiger Ansatz im Blick auf sich ändernde Lebensmöglichkeiten und Lebensgewohnheiten.

Migliedermeinung

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