Meerjungfrauen – Geschichten einer unmöglichen Liebe

von

Literaturgeschichte

480 Seiten (gebunden)
S. Fischer Verlag

Erscheinungsdatum: 10.06.2010

ISBN: 9783100381958

Rezension von

Verfasst am: 21.06.2010

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Schaumgeflüster

Odysseus wollte ihren Gesang hören. Um die Gefahren wissend, die einem Mann begegnen beim betörenden Gesang der Meerjungfrauen, ließ er sich an den Mast seines Bootes fesseln. Seine Männer hieß er, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen. So gerüstet erlebte er die unstillbare Leidenschaft und Sehnsucht, die der Gesang der Sirenen in ihm (und in jedem Mann, der den Gesang zu hören bekommen hätte) auslöste. Schon diese alte, eine der ersten Geschichten, die Andreas Kraß einer Untersuchung zuführt, zeigt bereits den Kern des Themas. Die jeweilige idealtypische Überhöhung einer konkret weiblichen Möglichkeit (hier die der Verführung) in der Gestalt der Meerjungfrauen.

Meerjungfrauen, halb Frau, halb Fisch, auf dem Schaum der Wellen reitend, das Meer verlassend, um auf dem Land die Liebe zu suchen oder der Liebe zu folgen, Geschichten über diese Geschöpfe finden sich, seitdem Menschen Geschichten erzählen bis hin zur jüngsten Gegenwart der Hollywood Blockbuster.

Andreas Kraß wendet sich mit wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit und Tiefe einer Vielzahl bekannter und eher unbekannter Geschichten von und über Meerjungfrauen zu. Seine literarische Untersuchung zeigt bereits auf den ersten Blick die verblüffende Breite und Tiefe der Erzählungen von und über Meerjungfrauen in der Literatur.
Gehört das Beispiel des Odysseus bei Homer noch zur humanistischen Allgemeinbildung, ist es doch eine neue Information, dass selbst Paracelsus sich in der ein oder anderen Form mit dem Thema auseinandergesetzt hat.
Ein Thema, das von den Sirenen Homers über die Melusinen des Mittelalters hin zu den Nymphen der mitteleuropäischen Flusssagen reicht. In Form von Vogelfrauen, Schlangenfrauen und anderen Verführerinnen wird das Thema immer wieder neu und anders interpretiert in der Literatur aufgenommen und weiter verfolgt.

Akribisch folgt und betrachtet Andreas Kraß, thematisch geordnet, diese Vielzahl literarischer Texte und ihr dahinter liegendes Anliegen.
Sirenen und ihr Variation der Vogelfrauen, Nymphen und Verführerinnen, Meerjungfrau und Fischfrau als Sündenbock sind die Themen, von Kafka über Brentano, Thomas Mann, Ingeborg Bachmann, von ernster Literatur über Walt Disneys Arielle hin zu Andersens Märchen reicht der bunte Themen- und Autorenreigen.

Ebenso fundiert und umfassend kommt Andreas Kraß dem Kern der Geschichten näher, einem Kern, dem der Titel des Buches korrespondiert.
Ideale werden literarisch nahe gebracht, Ideale der hehren und der verführenden, der tugendhaften und der täuschenden Liebe, letztlich aber steht im Mittelpunkt der Geschichten von Meerjungfrauen und ihrer Variationen immer das Thema einer unmöglichen Liebe.
Einer Liebe aber auch, an der die jeweiligen Autoren an sich Tiefen und Facetten der Liebe in all ihren romantischen, tragischen und enttäuschenden Varianten ungestraft ausloten können und jeweils auszuloten verstanden. Tragisch verlaufende Geschichten sind es, die dennoch Leidenschaft, Sehnsüchte, Wünsche der Liebe transportieren und ebenso die Täuschungen, Intrigen und Verführungen thematisieren..

Trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruches und der fundierten Betrachtung des Thema versteht es Andreas Kraß, sprachlich zu fesseln und den Leser mit auf seine Reise durch die Jahrhunderte und die Gattungen der Legenden, Romane und Opern mit zu nehmen. So gelingt ihm in der Vielzahl der Beispiele, die er aus der, wie er selbst es sagt, „uferlosen“ Literatur zum Thema auswählt, die Meerjungfrau als „Sinnbild der Liebe“ in bester Weise dem Leser nah zu bringen und weist anhand der Texte eindrücklich nach, dass die Meerjungfrau der Literatur in all ihren verschiedenen Formen und Veränderungen durch die Zeiten hindurch immer wieder männliche Fantasien des Weiblichen sind, die in der Figur einer Fee überhöht dargestellt werden.

Andreas Kraß legt eine gelungene und höchst informative Literaturuntersuchung vor, die einen umfassenden und gut lesbaren Blick auf „das Weibliche“ und die Veränderungen und Entwicklungen der Betrachtung der Frau durch die Fantasie der Männer in den geschichtlichen Entwicklungen offenlegt. Empfehlenswert!

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