Ein Buch, das ans Gemüt geht, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Man kann dieses Buch selbstverständlich auch dann genießen, wenn man zuvor nicht „Les fleurs du mal“ von Baudelaire gelesen hat, doch die Kenntnis darüber macht das Vergnügen aber auch den emotionalen Eindruck, den das Buch beabsichtigt, ungleich größer.
Kurze Sätze, klare Gedanken. Hintergedanken. Dem Stile treu bleiben.
Eine Friedhofsmauer ist der einzig greifbare, wenn auch paradoxe Beweis dafür, dass es Leben gibt. Ein Hund huscht verstohlen durchs Bild. „Nimm mich zu dir“, sagt Charles Baudelaire, „und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück.“ Nur dafür ist es noch zu früh. Der Hund heißt Baudelaire. Doch das weiß Philippe, der Protagonist zu dieser Zeit noch nicht.
Philippe ist schon früh morgens auf der Straße, er war es die ganze Nacht. Es ist Mai. Er liest die Zeitung, erfährt, dass die meisten Obdachlosenheime nur von November bis Mai geöffnet sind.
Damit beginnt für ihn, ohne dass er es weiß, ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Viel zu früh kommt er in seine Firma, um sich in der Toilette zu waschen. Zielvorgaben. Noch funktioniert er. Alle funktionieren. Tag für Tag. Woche für Woche.
Philippe schwänzt – mehr zufällig – den Nachmittag. Sucht ein Hotel. Schaltet den Fernseher im dürftig möblierten Zimmer ein, und erfährt, dass die gesunkene Kaufkraft auf die schwindelerregenden Profite einiger, weniger Unternehmen trifft. Er erfährt, dass mit Beginn der warmen Jahreszeit und dem Eintreffen der ersten Badegäste an der Côte d‘Azur die Obdachlosenheime geschlossen werden.
Philippe erlebt Menschen, die eine poröse Selbstsicherheit zur Schau tragen, die von feinen Rissen der Lebensunlust und existenzieller Verunsicherung durchzogen ist.
Doch noch ist alles kein Problem für ihn. Er hat seinen Führerschein abgeben müssen. Es ist ein schöner Abend. Er fährt Metro. Findet Platz. Die Gesichter der Menschen, auf die er trifft, sind nicht mehr so verkrampft und angespannt, nur noch glatt und verschlossen wie Wachsmasken.
Märchenhaftes beginnt. Die Realität holt die ans Gemüt gehende Geschichte ein. Und die Wirklichkeit öffnet ihre automatische Schiebetür und schiebt ihn, der abzugleiten droht, hinaus auf die Straße, hinein in eine Welt, in der sogar die Kultur auf Pump zu haben ist. Philippe stellt fest, dass er keine Schuhe mehr hat. Auch seine Socken sind weg. Er ist angekommen. Obdachlos. Er ist stimmlos. Und er erfährt, dass das Zeitgefühl das Erste ist, was man auf diesem Wege verliert. Dabei ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass es einst ein anderes Leben gab – und dass auch ein anderes, besseres kommen kann. Aber, zunächst ist gestern so wie heute und morgen so wie gestern. Ein Teufelskreis. Ein Schatten an der Wand.
Er sinkt tiefer. Gibt das auf, was ihn zum Menschen macht. Alkohol. Selbst der Schatten wendet sich von ihm ab. Die Menschen haben das schon längst vollzogen. Nur ein Hund hält zu ihm. Ein braver Hund. Und dieser Hund rettet ihm wahrscheinlich das Leben. Ein Kreis beginnt sich zu schließen. Ein Märchen? Aber beginnen Märchen nicht stets mit dem Satz: „Es war einmal…“?
Ein Buch, das Spuren hinterlässt.
Und um mit Baudelaire zu schließen:
„Weit hinter dir lass Kummer, Schuld und Streit,
Die dumpf und lastend dich zur Erde zwingen,
Beglückt, wer sich erhebt auf leichten Schwingen
Zu leuchtender Gefilde Heiterkeit!“ (Strophe aus „Erhebung“)
Ihre Blumen des Bösen strahlen und funkeln wie Sterne. Machen Sie weiter so. Das schrieb einst Victor Hugo an Baudelaire. Gleiches trifft auf den Autor Harold Cobert zu.
