Rezension: Finstere Orte

Libby Day war 7 Jahre alt, als ihre Mutter und ihre beiden Schwestern ermordet wurden, sie konnte fliehen. Für die Morde wurde ihr damals 15 jähriger Bruder Ben zu lebenslanger Haft verurteilt und Libbys Aussage war der Hauptgrund für seine Haft.

Die Familie Day lebte bis dahin, mehr schlecht als recht, am Existenzminimum auf einer Farm in Kansas. Runner Day, der Vater hatte Patty (die Mutter) längst verlassen, er ließ sich durchs Leben treiben, ständig auf der Suche nach Geld und gerne auch nach “krummen” Geschäften. Patty war mit Anfang 30 eine verhärmte Frau, die ihr Leben kaum noch bewältigen konnte. Libby war ein traumatisiertes Kind, das nach der Ermordung ihrer Familie von Angehörigen zu Pflegefamilien geschoben wurde und Libby wurde zu einer schwer verstörten Erwachsenen, labil und depressiv lebte sie, ohne Ziel, von den Spenden, die ihr mitleidige Zeitgenossen damals zukommen ließen. Mit Anfang 30 hatte sie die Spenden weitgehend aufgebraucht und war gezwungen sich aktiv um ihr Leben zu kümmern. Die erste Möglichkeit “leichtes” Geld zu verdienen kam durch ein Mitglied des “Kill-Clubs”, der sie dafür bezahlen wollten, wenn sie sich zu dem Massaker an ihrer Familie äußern, ihre Aussage überdenken und zu den damals Beteiligten Kontakt aufnehmen würde. Der “Kill-Club” sammelt Andenken von spektakulären Mordfällen und versucht eigene Lösungen für diese Verbrechen zu finden – einige Mitglieder halten Ben für unschuldig und möchten das mit Libbys Hilfe beweisen. Nach und nach stellt sich Libby den finsteren Orten in ihr, in denen sie die Erinnerungen an die Tat verborgen hält.

“Finstere Orte” hat mir sehr gut gefallen, es ist zwar kein Thriller im üblichen Sinne, mehr ein spannendes (Familien-) Drama, welches auch teilweise den Charakter einer Milieustudie hat und das Leben jenseits des “amerikanischen Traums” schildert – aber in einer Intensität die mich vollkommen gefesselt hat, Gillian Flynn erzählt (meiner Meinung nach mutig) eine traurige Geschichte, ganz ohne Helden, nur von Verlierern getragen. Das Buch ist auch sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack, es ist düster, es gibt eigentlich keine einzige Stelle die “schön” oder “hoffnungsvoll” ist, dafür einige Stellen, die wirklich unappetitlich sind und die man als Leser eigentlich gar nicht so genau wissen möchte. Auch die Charaktere und ihr Umfeld sind, zwar gut eingeführt und beschrieben aber trotzdem nur unsympathisch und hässlich, einzig mit Ben hatte ich ein wenig Mitleid, was sich allerdings auch nach und nach relativierte.

Die Erzählweise ist durchaus anspruchsvoll, zum Teil folgt der Leser Libby (aus heutiger Sicht) zum anderen Teil wird der Tag um die Mordnacht (1985) aus der Sicht von Ben und Patty beschrieben. Sehr gelungen ist die Dramaturgie, wie sich Bens verfahrene Situation zuspitzt, wie er genau die falschen Leute zum falschen Zeitpunkt trifft, wie er dazu auch noch die falschen Entscheidungen trifft und wie er sich in eine ausweglose Einbahnstraße manövriert. Nach und nach ergeben die verschiedenen Eindrücke ein Gesamtbild und teilweise weiß der Leser auch schon mehr als Libby über die Mordnacht und begleitet sie auf ihrer Suche nach der Wahrheit.

Das gesamte Buch kommt ohne den oft üblichen “amerikanischen Kitsch” aus, auch das Ende – was mich sehr erfreute, ein großes Happy-End wäre nach so viele düsteren Seiten nicht passend. Auch der Abschluss der Geschichte war stimmig, glaubwürdig und für mich nicht wirklich vorhersehbar.

Anders als erwartet, etwas speziell und kein Mainstream – wahrscheinlich auch nicht für jeden Leser (-geschmack) geeignet.

Verfasst von Stahlfixx am 16.07.2010.

 

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Bookreporter
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Buchinfos

Finstere Orte

S. Fischer Verlag


Finstere Orte

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christine Strüh

528 Seiten (gebunden)
Scherz Verlag

Erscheinungsdatum:
23.02.2010

ISBN: 9783502100959


Nutzerbewertung:
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Die Autorin

 

Gillian Flynn

 

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