Rezension: Dem Tode nah

Der 17 jährige Derek Cutter versteckt sich im Keller des Hauses seines besten Freundes Adam, während die Familie in den Urlaub aufbricht, um sich dann, während der Abwesenheit der Langleys, mit seiner Freundin Penny ungestört zu vergnügen.

Er sieht sich etwas im Haus um und will die Alarmanlage ausschalten, da kommen die Langleys unvermutet zurück. Derek versteckt sich wieder im Keller und noch während er darüber nachdenkt, wie er sich am besten aus der Affäre ziehen kann, läutet es, Adams Vater öffnet die Tür und es fallen Schüsse, die gesamte Familie wird ausgelöscht. Derek wartet, bis der Täter verschwunden ist, geht nach Hause und schweigt über den Vorfall. Es kommt wie es kommen muss, Derek verstrickt sich in Widersprüche, Penny erzählt ihren Eltern vom “Liebesnest” bei den Langleys und Derek wird inhaftiert. Jim Cutter, Dereks Vater glaubt an die Unschuld seines Sohnes und macht sich auf die Spurensuche im beschaulichen Örtchen “Promise Falls”, wo manches anders ist als es auf den ersten Blick scheint.

“Dem Tode nah” ist der zweite Thriller aus der Feder von Linwood Barclay und ich muss sagen, dass mir sein Erstlingswerk “Ohne ein Wort” um einiges besser gefallen hat. Zwischen beiden Büchern besteht kein direkter Zusammenhang, aber nachdem mir das Vorgängerbuch sehr gut gefallen hat, habe ich gespannt auf ein neues Buch gewartet und damit hing die Latte einfach sehr hoch und der “Nachfolger” kann meiner Meinung nicht ganz mithalten. Somit würde ich jedem empfehlen, der sich für die Bücher von Linwood Barclay interessiert, sie nicht in der Reihenfolge ihrer Erscheinung zu lesen sondern “Dem Tode nah” (und auch das inzwischen erschienene “In Todesangst”) zuerst zu lesen und dann erst zum, meiner Meinung nach, stärksten Buch “Ohne ein Wort” zu greifen – sonst mag man eventuell etwas enttäuscht sein.
Anfangs wird die Geschichte aus der Perspektive Dereks erzählt, wie er akribisch seinen Plan verfolgt, sich bei den Nachbarn einsperren zu lassen, seine Angst, als er merkt, dass die Nachbarn wieder zurückgekommen sind und seine Panik, als er die Schüsse und den Mörder hört. Das ist Linwood Barclay wirklich spannend und gut gelungen. Danach wechselt man in Jims Perspektive und dabei bleibt es (leider) auch das gesamte Buch über. Leider – denn der Perpektivwechsel bremst die noch im Einstieg vorhandene “Gänsehautstimmung” eigentlich recht vollständig aus und statt Nervenkitzel erwartet den Leser sehr viel Familiengeschichte und Familienalltag und die anfängliche Spannung hält sich damit deutlich in Grenzen.
Hier beginnt nun eine verstrickte Geschichte, die in die Vergangenheit verschiedener Einwohner von Promise Falls und auch der Cutters führt, die zwar wirklich gut durchdacht ist, aber leider zu konstruiert wirkt, wie am “Reißbrett” für einen spannenden Roman entworfen, einfach zu viele Konstrukte die, obwohl sie nahtlos aneinander passen, der Natürlichkeit entbehren, die einen guten Thriller/Krimi von einem sehr guten unterscheiden.
Für meinen Geschmack verliert sich die gesamte Story auch ein wenig in typisch amerikanischen Kleinstadtklischees. Da ist Jim, der “Good Guy” des Buches, der absolut gut, gefestigt in sich selbst und höchstmoralisch ohne Fehl und Tadel (fast schon gottgleich) für seine Familie und seine Werte einsteht. So oder so ähnlich eindimensional sind die meisten Charaktere angelegt, der hochnäsige Literaturprofessor, seine Frau, ein ehemaliger “C-Promi”, die das Billigimage nicht los wird, der bigotte und karrieresüchtige Bürgermeister… Für mich war der einzig glaubwürdig angelegte Charakter Derek, da konnte ich mich als Leser hineinversetzten und auch etwas mitleiden, die Gedankengänge und Verhaltensweisen waren einem postpubertären Jugendlichen angemessen und glaubwürdig.
Der gesamte Plot ist gut durchdacht, fast schon zu gut. So wird der Leser ziemlich schnell auf eine Spur geführt, die allerdings so vehement dargestellt und immer wieder in den Vordergrund gedrängt wird, dass es nur eine falsche Spur sein kann und so wartet man dann eigentlich nur noch auf das Auftauchen eines neuen Ansatzes und so viele Möglichkeiten im Rahmen der 492 Seiten neue Täter einzuführen bieten sich dann auch nicht, als dass dem geübten Leser nicht ein Licht aufgeht, als es soweit ist… gleiches gilt auch für das Motiv. Ebenso die Geheimnisse, die sich hinter der Fassade von sehr vielen ehrwürdigen Einwohnern vom Promise Falls verstecken, waren auch ein wenig übertrieben, zwar passt alles, perfekt in den Kontext und läuft am Ende, zwar zu mehreren Handlungssträngen, die im Grunde nicht so viel miteinander zu tun haben, aber doch stimmig zusammen – wobei ich manches einfach als etwas aufgebauscht empfunden habe – viel Wind macht noch keinen Sturm…
Gar nicht gut fand ich den Klappentext, der einfach zuviel vom Buch verrät und der damit die doch recht sparsam auftretende Spannung noch zusätzlich etwas schmälert.
Insgesamt war das Buch schnell und einfach zu lesen, solide (wenn auch etwas mit amerikanischen Pathos und Klischees behaftete) Unterhaltung aber kein anspruchsvoller Thriller. Was ich als durchaus positiv bewerte ist, dass es sich hier nicht um einen 08/15 “Ermittler-Thriller” handelt, die Gschichte aus der Sicht des Vaters war eine ganz nette Abwechslung für mich.

Wer “Ohne ein Wort” nicht gelesen hat, wird dieses Buch wahrscheinlich etwas besser bewerten. Insgesamt solide Unterhaltung, meiner Meinung eher ein Familiendrama und ein Sittengemälde einer typischen amerikanischen Kleinstadt mit Mord, als ein Thriller.

Verfasst von Stahlfixx am 11.08.2010.

 

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  • 5/5 Sterne.

 

 

Bookreporter
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Buchinfos

Dem Tode nah

Ullstein Verlag


Dem Tode nah

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Nina Pallandt

492 Seiten (broschiert)
Ullstein Taschenbuch

Erscheinungsdatum:
18.09.2008

ISBN: 9783548267449


Nutzerbewertung:
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Linwood Barclay

 

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