Mein Berliner Kind

von

autobiographischer Roman

Aus dem Französischen von Grete Osterwald

261 Seiten (gebunden)
C.H. Beck

Erscheinungsdatum: 21.07.2010

ISBN: 9783406605215

Rezension von

Verfasst am: 16.08.2010

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Liebe, Hochzeit und Geburt unter ungewöhnlichen Vorzeichen!

Das Berlin zum Ende des Krieges und im ersten Nachkriegswinter 1945/46 gleicht einem Tanz auf dem Vulkan.

Die alliierten Streitkräfte haben Berlin in Sektoren aufgeteilt und arbeiten u.a. an der Repatriierung ehemaliger Kriegsgefangener und verloren gegangener Heimatsoldaten. Französische Rot-Kreuzangehörige helfen bei der Suche und beim Transport verletzter Soldaten zurück in ihre Heimatländer. Unter diesen befindet sich auch Claire Mauriac, die 27 jährige Tochter des bekannten französischen Literaturnobelpreisträgers François Mauriac. Sie ist froh, einer eigenen Aufgabe nachgehen zu können, um endlich aus dem Schatten des berühmten Vaters zu treten. Sie ist kapriziös, sehr hübsch und arbeitet überaus gerne mit ihren Kolleginnen zusammen. Natürlich werden alle hübschen Mitarbeiterinnen von Männern umschwärmt. Der russische Emigrant Fürst Yvan Wiazemsky, der sieben Sprachen spricht, ist als französischer Leutnant in Berlin und verliebt sich unsterblich in die hübsche Tochter des berühmten Schriftstellers. Von Literatur hat er keine Ahnung und weiß so auch nicht, in wen er sich da verliebt hat.

Mit unglaublicher Vielfarbigkeit schildert die Autorin das Leben ihrer Mutter, die nach kurzem Zögern in die Ehe mit dem verliebten Fürsten einwilligt. Dass da jemand nicht weiß, wer François Mauriac ist, hat Claire amüsiert und erfreut, denn immer stand der Ruhm ihres Vaters ihr im Wege.
Sie sieht als Rot-Kreuzmitarbeiterin den ganzen Irrsinn des Krieges, die Toten und Verletzten und die Qualen der sterbenden jungen Soldaten. Aus der zerstörten Stadt Berlin schreibt sie aufwühlende Berichte nach Hause, und man spürt, dass sie die Arbeit und das Neue reizen, und sie voller Elan bei der Arbeit ist.
Die Untergangsstimmung im befreiten Berlin und der Sieg der Alliierten bringen neue Aufgaben und neue Begegnungen. Ausgelassen weiß man aber auch die Nächte durchzufeiern.

Mit Spannung liest man die Aufzeichnungen der Tochter von Claire und Yvan Wiazemsky. Ersteht doch unter ihrer Feder sowohl das Bild der zerstörten Stadt Berlin als auch die unmögliche Liebe ihrer Eltern. Lebendig und vital, charmant und mitreißend kommt der Fürst aus dem russischen Hochadel, der nach der Revolution in Russland das Land verlassen hat und z.T. in Frankreich um Asyl nachsuchte. Verarmt und ihrer Wurzeln beraubt leben diese Adeligen ein so ganz anderes Leben als die feine französische Gesellschaft um den Dichter Mauriac. Claire war ein verwöhntes Mädchen, dem sich alle Türen dank ihres bekannten Namens öffneten. Dass die Ehe zwischen zwei Menschen von so unterschiedlicher Herkunft nicht leicht sein würde, hat sie wohl geahnt und konnte doch dem einnehmenden Fürsten nicht widerstehen!

Zu ihrem Buch bemüht die Tochter von Claire und Yvan Wiazemksy, Anne Wiazemsky, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe ihrer Mutter und ihres Vaters und Erinnerungen von Weggefährten, um über das Leben ihrer Eltern zu berichten. Sie selber war „Das Berliner Kind“, denn sie wurde 1947 dort geboren.

Mit seltener Offenheit und Klarheit beurteilt sie, in welcher Gemütslage sich die Menschen damals unabhängig von ihrer Herkunft und Gesellschaftsschicht befanden. Auf diese Weise ist ein aufschlussreiches Zeitdokument entstanden.
Der Roman wurde für zahlreiche Preise nominiert und war in Frankreich ein großer Erfolg.

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