Geschichte der Tränen

von

Novelle

Aus dem Spanischen von Christian Hansen

143 Seiten (gebunden)
Klett-Cotta

Erscheinungsdatum: 01.08.2010

ISBN: 9783608937107

Rezension von

Verfasst am: 21.08.2010

Bewertung:

  • 4/5 Sterne.

Leben in unsicheren Zeiten!

Nach dem schönen und anrührenden Roman „Vergangenheit“ ist ein neuer kleinerer Roman von Alan Pauls erschienen.
Der Held dieser mehr einer Novelle gleichenden Erzählung lebt in der Ära kurz vor dem Militärputsch in Argentinien.
Er ist ein sensibler Bursche. Schon früh verliert unser Held den Vater, der die Mutter verlässt, um sein eigenes Leben zu leben. Die Auflösungserscheinungen einer angegriffenen Gesellschaft sind unübersehbar.

Großeltern, Mutter und Hausmädchen bilden zukünftig die tägliche Gesellschaft des Jungen. Alle empfinden ihr Kreuz und Leid, und lassen es den kleinen Jungen wissen.
Der Großvater ist ein Despot, dessen züchtigender Aufsicht jeder gerne entrinnen möchte. Dieser unzufriedene Mann würde am liebsten sein Hab und Gut und seinen Wohlstand veräußern und ein neues Leben ohne die Drangsale des bisherigen anpeilen.

Regelmäßige Treffen mit dem Vater sind eine hübsche Abwechslung, doch ist unser Held weinerlich bei jeder Gelegenheit. Der Anblick von Bettlern, bekümmerten und verletzten Menschen und gequälten Tieren können zu haltlosem Weinen bei ihm führen. Nie aber sieht man ihn weinen, wenn er sich selber verletzt hat oder sich ärgert. Insgesamt ist dieser Junge ein trauriger Held, der still in seinen Fantasien lebt, zu denen ein Superheldenkostüm gehört. Man sieht ihn auf dem Bucheinband mit einer übergroßen Brille, wie er mit imaginären Kräften kämpft. Sind es Tiere, Menschen oder Märchenfiguren, die ihn zum Kampf herausfordern?
Man darf die eigene Fantasie spielen lassen.

Die Erzählung oszilliert zwischen Erlebtem und Gedachtem.
In nie enden wollenden Sätzen erzählt, fabuliert und fantasiert der Held sein Leben, das unter dem drohenden Militärputsch gegen Allende im Jahr 1973 steht. Am Ende siegen die Militärs und Allende muss sterben.
Die Geschichte liest sich nicht leicht. In langen Sätzen folgt man eher einer Kette komplexer Assoziationen, in die man sich hineinversetzen muss, um den Fortgang der Geschichte zu begreifen. Dabei erfährt man atmosphärisch Einzelheiten, die Rückschlüsse auf die Familie, das politische Klima und die Schrecknisse des Umsturzes erahnen lassen.

Poetisch tiefschürfend kann der Autor den Leser dennoch nicht recht in seine Geschichte einbinden.

Alan Pauls lebt und arbeitet in Buenos Aires.

Migliedermeinung

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