Rezension: Mein letzter Sommer

Spaziergang auf den Spuren der Vergangenheit.

Was in diesem kleinen Roman mit der Diagnose einer tödlichen Krankheit beginnt, das wandelt sich in der Erinnerung der Protagonistin in diesem kleinen Roman zu einem Spaziergang durch das vergangene Jahrhundert.

Mit der ausweglosen Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) konfrontiert kann die Kranke diese mit Ironie, einem Schuss Selbstverleugnung und kritischen Bemerkungen zur Reaktion der Umwelt parieren.

Bald schon wenden sich ihre Gedanken rückblickend der eigenen Familiengeschichte zu. Der egoistische und harte Großvater bot nach dem frühen Tod der Mutter seiner eigenen Tochter außer Strafen und Drohungen nichts, so dass sie eines Tages das Weite suchte.
Ein verheirateter Rechtsanwalt wird ihr Partner und der Vater ihrer Tochter. Die Beziehung bleibt unlegalisiert. Z. ist das sehr geliebte Kind aus der Verbindung. Sie heißt Amelia und wird Pucci genannt.
Nun ist sie siebzig Jahre alt und sieht ihr Ende kommen.

Mit Humor und Selbstironie überspielt Cesarina Vighy ihre eigene Erkrankung mit ALS, indem sie sich den Erinnerungen an Vergangenes hingibt. Was der Fantasie, und was der Wirklichkeit geschuldet ist, bleibt dahingestellt.

Herausgekommen ist eine skurrile Familiengeschichte in Italien, die einen Teil der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts umfasst. Von der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs geht es über den Zweiten Weltkrieg bis zu den siebziger Jahren, als auch in Italien der Aufruhr herrschte, und die roten Brigaden Aldo Moro ermordeten. In leichtem Ton, frech und ohne Selbstmitleid berichtet die Erzählerin von sich und ihrer Familie und bietet Einblicke in das ferne Rom und die geliebte Stadt Venedig.
Der Vater, ein Sozialist, überlebte den Zweiten Weltkrieg, und die Eltern lebten vierzig Jahre glücklich zusammen, bis der Tod des Vaters dem Glück ein Ende bereitete.

Pucci ist ihren eigenen Weg gegangen. Anrührende Sätze gelingen der Autorin, wenn sie die Ambivalenz zwischen Eltern und Kindern beschreibt.
Das Hohelied des Vaters „Er war pädagogisch, ohne je zu langweilen, und seine spontane Methode muss wirksam gewesen sein, wenn sie mir für immer den einzigen Reichtum geschenkt hat, den ich sogar noch heute genießen kann: die Neugier, die Liebe zu Dichtern, Erzählern und zur Schönheit“.

Töchter und Mütter werden in ihren komplexen Widersprüchlichkeiten zitiert, und es bleibt die Gewissheit, dass hier eine aus dem wahren Leben erzählt!

Die eigene Krankheit bildet den Rahmen um eine Geschichte, die den Reichtum, das Unglück und die Gegebenheiten eines langen Lebens umfassen, das nunmehr unweigerlich auf das Ende zusteuert. Anrührend, ehrlich und ausdrucksvoll weiß Cesarina Vighy über ihre Liebe zu den schönen Dingen des Lebens zu berichten. Aber auch die steten Ängste vor dem Morgen sind präsent. Kühl und sachlich aber nicht ohne Tiefenschärfe sieht sie sich mit ihrer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert und lässt uns Gefühle spüren, die Sterbende bedrängen mögen. Feinsinnig und kunstvoll weiß sie ihre Worte so zu setzen, dass niemals Peinlichkeiten aufkommen.

Cesarina Vighy ist ein außerordentlich intensives und komprimiertes Werk von realistischer und aussagekräftiger Dichtkunst gelungen. Die hoch gelobte Maja Pflug hat das kleine Büchlein ins Deutsche übertragen.

Im Mai 2010 erlag die Autorin ihrer eigenen Erkrankung an ALS.

Verfasst von Claudine Borries am 21.08.2010.

 

 

 

Bookreporter
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Buchinfos

Mein letzter Sommer

 


Mein letzter Sommer

Roman

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

192 Seiten (gebunden)
Hoffmann und Campe

Erscheinungsdatum:
19.08.2010

ISBN: 9783455402735


Nutzerbewertung:
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Die Autorin

 

Cesarina Vighy

 

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