Juden Narren Deutsche

von

Essays

157 Seiten (gebunden)
Persona Verlag

Erscheinungsdatum: 01.08.2010

ISBN: 9783924652371

Rezension von

Verfasst am: 31.08.2010

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Wer sich als „nichtjüdische Jüdin“ bezeichnet, kann nicht kritiklos sein. Und in der Tat: schon im ersten Kapitel dieses schmalen Bändchens mit Essays und Gedanken über das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, betitelt „Totengespräch mit Heine“, ergeht sich die Autorin H. Rosenstrauch in eloquenter und sarkastischer Weise in Überlegungen, wie es denn nun heute mit dem Verhältnis zwischen Juden und Deutschen bestellt sei.

Ironisch und geistreich zeigt sie alle die Widersprüche auf, mit denen in Deutschland über Juden gedacht, erinnert, gesprochen und mit vielerlei Methoden der Geschichte nachgehangen wird. Von plötzlicher Freundschaft oder gar Verwandtschaft zu Juden wird in bestimmten Kreisen schwadroniert, und die immer schon angeblich bewunderte Geisteshaltung und Intelligenz der „Juden“ wird reklamiert. Hazel Rosenstrauch legt den Finger auf eine Wunde, die man gemeinhin als „Philosemitismus“ bezeichnen möchte. Ich verstehe darunter jene Haltung, mit der durch die Übertreibung ins Gegenteil ein wirklicher Skandal vertuscht und zunichte gemacht werden soll. In immer neuen „Erinnerungszeremonien“ gedenkt man der nationalsozialistischen Untaten, um sich dann umso befreiter zurücklehnen und als „Gutmensch“ betrachten zu können.

Am Beispiel der Narren im Mittelalter zeigt H. Rosenstrauch, dass zur gleichen Zeit Juden aus vielen Ländern auf „ewige Zeiten vertrieben wurden“. „Narren und Kinder sagen die Wahrheit“, heißt es in einem volkstümlichen Spruch, und doch spricht man ihnen die Moral ab. Sie tragen keine Verantwortung und befleißigen sich der „Narrenfreiheit“, was sie in die Nähe jener vogelfreien Menschen rückt, zu denen man die Juden damals zählte.

H. Rosenstrauch ist aufmerksam und äußerst feinfühlig bei der Wahrnehmung falscher Töne im Zusammenleben zwischen Deutschen, – oder müsste man Arier sagen, denn auch Juden sind Deutsche? – und Juden. Sie verlässt nie den Ton der Ironie, mit dem sie sich in ihren Geschichten mit Tätern und Opfern, mit „Erinnerungskultur“ und falsch verstandener Anbiederei bei den wenigen in Deutschland verbliebenen Juden auseinandersetzt. Geschliffen im Stil und Inhalt bringt sie auf den Punkt, worum es im Verhältnis zwischen Deutschen und Juden eigentlich geht: wie normal kann das Verhältnis zwischen beiden Ethnien überhaupt sein? Wer sucht auf welchem Wege eine Identität, die auf jeden Fall dank je unterschiedlicher Vorgeschichte voneinander abweichen wird?

Erst wenn der eine wie der andere, Jude oder Deutscher, als sympathisch, unsympathisch, klug, dumm, ignorant oder einfach umgänglich beschrieben werden kann, könnte man sich eine so genannte „Normalität“ zwischen nicht nur den Juden und Deutschen sondern zwischen allen Völkern vorstellen. Ein schwieriges Unterfangen wird es bleiben!

H. Rosenstrauch bietet Anstöße, niemals aufzuhören, sich mit den Fragen unterschiedlicher Identitäten zu befassen, ohne sich deshalb schuldig oder unschuldig zu fühlen und ohne sich in der Rolle der Opfer oder Täter zu gefallen.

Es sind kluge, reife, durchdachte und hintergründige Motive, mit denen sie ihre Geschichten geschrieben hat resultierend aus ihrer immer wachen Beobachtungsgabe.

Nach wechselnden Aufenthalten in Berlin, München, Köln, Tübingen und Wien lebt die Autorin seit 1997 wieder in Berlin.

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