Freiheit

von

Roman

Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell, Eike Schönfeld

608 Seiten (gebunden)
Rowohlt

Erscheinungsdatum: 08.09.2010

ISBN: 9783498021290

Rezension von

Verfasst am: 08.09.2010

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Lebensfreude, Glück und Versagen.

Lange ersehnt und endlich auf dem Buchmarkt angekommen ist der neue Roman von Jonathan Franzen: „Freiheit“.

Laut einer detaillierten Buchbesprechung im Magazin „Spiegel“ ist die Geburt dieses Romans für Jonathan Franzen ein schweres Unterfangen gewesen. Geht es doch darum, ein Familien- und Gesellschaftsbild zu entwerfen, in dem man sich wieder erkennen kann, und das dennoch die nötige Distanz bietet, um uns nicht zu erschlagen. Man kann sich vorstellen, wie Erkenntnisse und Reflexionen von feinster Ironie, menschliches Hinhören und tiefstes Verständnis den Erfinder der Geschichte umtreiben mochte. Er hat gelitten und gerungen, und herausgekommen ist ein Jahrhundertroman von grandioser Einfühlsamkeit und tiefenpsychologischer Einsicht, was Familie hier und heute bedeutet.

Patty und Walter Berglund mit ihren Kindern Joey und Jessica sind die Vorzeigefamilie in einem Vorort von St. Paul/Minnesota.
Walter ist Anwalt und Umweltaktivist, und Patty ist eine ehemals hervorragende Sportlerin. Sie wollten alles anders und besser machen als die eigenen Eltern und müssen am Ende einsehen, wie sich Fehler von Generation zu Generation wiederholen. Jessica geht aufs College, und Joey setzt sich zu den ungeliebten Nachbarn ab, um ungestört Sex mit Connie zu haben und sich von seiner überfürsorglichen Mutter zu befreien.
Es bedarf einer langen Vorgeschichte bis wir im Heute angekommen sind.

J. Franzen steigt in die Tiefe der Charaktere hinab wie in eine andere Welt. Man meint dabei zu sein und befindet sich doch als Zuschauer außen vor aber tief angerührt von all’ den Nöten und Beklemmungen, die der Biographie von Patty anhaftet.
Ihre Kinder wachsen heran und sie bleibt ihr ganzes Leben lang unzufrieden mit ihrem Leben und in ihrer Beziehung zu dem „guten“ Walter. Als stiller aber gewichtiger Begleiter fungiert Walters Freund Richard Katz: er ist Bohemien, Musiker und Frauenfreund und das ganze Gegenteil von Walter. Patty hatte es ihr Leben lang auf ihn abgesehen. Als alle in die Jahre kommen, sieht Richard sein berufliches und privates Scheitern, und Patty sieht ihre Kinder davonziehen. Walter ist der ruhige, zuverlässige, ehrliche und liebevolle Charakter, der erst spät merkt, was mit Patty los ist. Richard ist ebenfalls ein guter und treuer Freund, der die Grenzen nicht überschreiten will, die seine Beziehung zu Walter zerstören könnten.
Wie mit Röntgenblicken durchleuchtet Franzen seine Figuren, und man hält die Luft an, wie sich Schein und Sein verbinden, um einen Charakter in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu zeigen. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung gehen eine Verbindung ein, die zu dem traurigen Schluss führen: “es gibt kein wahres Leben im Falschen.“ Alle Lügen und jeder Selbstbetrug sind am Ende zum Scheitern verurteilt. Man lernt, sich zu den eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu bekennen, von denen man im jugendlichen Überschwang nichts wissen wollte.
Patty und Walter sind das Paar, um dessen Lebensfülle und -gefahren sich alles dreht.

Das Buch ist ein melancholischer Abgesang auf das Glück von Familie und Lebenserfüllung. Faszinierend, aufwühlend und endgültig werden uns Lebensschicksale beschrieben, die tief verunsichert und verstört das Zusammenspiel zwischen menschlicher Güte, Liebe, Abneigung und Selbstbetrug zeigen. Mit Richards Satz „Er kam sich vor wie ein herumfliegendes Insekt, das sich in einem klebrigen Familiennetz verfangen hatte“ lässt sich am besten beschreiben, was hier vor sich geht.

Für mich ist Jonathan Franzen mit diesem Buch nach seinem Roman “Korrekturen” erneut ein Jahrhundertroman gelungen!

Migliedermeinung

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