Engel aus Eis

von

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Katrin Frey

512 Seiten (gebunden)
List

Erscheinungsdatum: 08.09.2010

ISBN: 9783471350157

Rezension von

Verfasst am: 13.09.2010

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Zwei Jugendliche finden bei einem Einbruch eine Leiche, es handelte sich um den ehemaligen Geschichtslehrer Erik Frankel, bei dem sie sich eigentlich nur heimlich einige “Nazi-Devotionalien” ansehen wollten, der allerdings zu diesem Zeitpunkt schon etliche Wochen erschlagen an seinem Schreibtisch sitzt.

Er lebte zusammen mit seinem Bruder Axel, einem “Nazi-Jäger” und ehemals selbst vom NS-Regime Verfolgten, der sich den Sommer über in Paris aufhielt. Die Polizei beginnt zu ermitteln, doch gibt es kaum Spuren oder auch nur ein ansatzweise vorhandenes Motiv – wer könnte Interesse am Tod eines über 80 jährigen und recht zurückgezogen lebenden Mannes haben?
Patrik ein Ermittler des örtlichen Polizeiteams, der sich zum Zeitpunkt des Mordes in Elternzeit befindet, greift seinen Kollegen, einerseits aus elternzeitlicher (geistiger) Unterforderung, andererseits aus eigenem Interesse, etwas unter die Arme, denn seine Frau Erica hatte, anscheinend kurz vor dessen Tod, Erik Frankel einen NS-Orden gegeben, über den sie etwas herausfinden wollte. Den Orden fand sie eingewickelt in ein blutiges Babyhemdchen mit einigen Tagebüchern ihrer Mutter. Widerwillig beginnt Erica, die kein besonders inniges Verhältnis zu ihrer Mutter hatte, die Tagebücher zu lesen und die Geschichte hinter der (vermeintlichen) Lieblosigkeit ihrer Mutter zu entdecken. Verwoben wird eine Mordermittlung in der Gegenwart mit Geheimnissen aus der Vergangenheit, zu einer Wahrheit, die niemand vermutet hätte.

“Engel aus Eis” ist der fünfte Roman von Camilla Läckberg, welcher sich mit Fällen in Fjällbacka und dem Ermittlerteam um Patrik befasst. Die Bände sind chronologisch geschrieben und gerade was die Entwicklung der Charaktere betrifft baut ein Buch auf dem anderen auf. Beleuchtet wird insbesondere, in allen Bänden, die Lebensgeschichte von Patrik und Erica, ihre und auch die Entwicklung ihrer Familien. Die Bände bestehen jeweils auch als eigenständiges Buch, jedoch fehlt dem Leser einiges an Hintergrundinformation, also ist es zwar kein “muss”, aber schon von Vorteil, die Vorgängerbände gelesen zu haben.
Bücher, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland/Europa beschäftigen, empfinde ich oft für mich persönlich als heikel, einerseits mag ich es nicht, wenn die wenig ruhmreiche deutsche Geschichte zu schnöder Unterhaltung ausgeschlachtet wird, andererseits mag ich auch die “Schwarz-Weiß-Malerei” nicht – Deutscher = Nazi = böse (und umgekehrt), sicherlich war es keine gute Zeit, jedoch gab es auch damals auch viele Schattierungen zwischen nur “Schwarz” und nur “Weiß”. Doch Camilla Läckberg schafft hier die Gratwanderung, die Geschichte für mich auf ein gutes Maß herunterzubrechen, einerseits informativ (die Geschichte der Besatzung Nordeuropas), andererseits menschlich. Ich hatte weder das Gefühl, dass die Geschichte mit einem erhobenen Zeigefinger erzählt wurde, noch dass es zu banal war, um dem schwierigen Thema wirklich gerecht zu werden.
Eine weitere (für mich) gelungene Gratwanderung besteht das Buch bei den Teilen, die sich mit Patrick, Erica und ihren Angehörigen beschäftigen (welche auch den größten Teil des Buches einnehmen). Das Buch ist sicherlich dem Genre Krimi zuzuordnen, doch die eigentliche Ermittlung nimmt wenig Platz im Buch ein, im Vordergrund steht eigentlich das Leben der (Haupt-) Protagonisten, welches ja durch Ericas Mutter mit Erik Frankel verbunden ist, denn sie gehörten in den letzten Jahren des 2. Weltkrieges einer Clique an von Jugendlichen aus Fjällbacka an. Dieses Leben wird fast schon liebevoll und sehr detailreich geschildert, was mich in weniger gelungenen Fällen oft langweilt und oft ins Belanglose abgleitet, hat mir hier Spaß gemacht. Auch kleinere Nebenschauplätze und Handlungsstränge um andere Beteiligte sind sehr gut ausgearbeitet und genauso dicht gezeichnet wie die Geschichten der Hauptcharaktere und machen das Buch für mich fast schon zu etwas Besonderem.
Camilla Läckberg gelingt es geschickt Spannung ohne Effekthascherei zu erzeugen, der Prolog ist die Ausnahme, da wird die Auffindesituation Erik Frankels recht detailreich geschildert, aber der Prolog soll ja auch primär den Leser ködern – und das tut er. Danach begibt sich der Leser mit Patrick und seinen Kollegen auf Spurensuche, beginnt mit Erica die Tagebücher ihrer Mutter zu lesen und lernt dadurch Elsy und ihre Freunde im Jahre 1944 kennen. Eingeschoben werden immer wieder Begebenheiten und Geschichten aus der Sicht von Elsys Freunden, die nach und nach dazu führen, dass Erica Elsy verstehen lernt und ihren Frieden mit ihrer bereits verstorbenen Mutter machen kann. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, kam mir der Satz “Die Wahrheit sucht sich ihren Weg” in den Sinn und das ist es auch, was das Buch für mich am besten beschreibt. 
Insgesamt ist das Buch für einen Krimi etwas anspruchsvoller geschrieben, die Handlungsstränge sind komplex und sehr gut durchdacht, die Charaktere sind liebevoll gezeichnet. “Engel aus Eis” reiht sich für mich auch nicht 100%ig in die Riege der “düsteren Nordländer” ein, es ist zwar auch kein vor Freude sprühendes Buch, aber es fehlt das “absolut Böse” und die vollkommene Hoffnungslosigkeit, die ich damit verbinde. Anfangs empfand ich die Wechsel der Handlungsstränge nur nach einem Absatz, ohne einen Kapitelwechsel etwas verwirrend, aber an diesen Schreibstil kann man sich als (von leichterer Lesekost verwöhnter Leser, bei denen das Kapitel auch (brav) mit dem Wechsel des Handlungsstranges wechselt) schnell (wieder) gewöhnen. Sehr positiv finde ich auch die geringe Klischeedichte – die Charaktere sind ganz normale Menschen, wie du und ich, mit den Problemen von Menschen, wie du und ich, allerdings ohne die gerne bemühte Alkohol- oder Drogensucht und komplett verbitterte oder gescheiterte Existenzen, aber auch ohne die Banalität, die zu einfach gestrickte (komplett austauschbare) Charaktere hervorrufen können. Die Auflösung des/r Mord/e ist stimmig, nichts bleibt offen oder hinterlässt den Leser unzufrieden und der Plot hat durchaus Potenzial nachdenklich zu machen.

Ein durch und durch gelungener und anspruchsvoller Krimi.

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (3):

  • 4.3333/5 Sterne.

Leserbewertung (0):

  • Momentan 0/5 Sterne.

Ihre Bewertung:

  • Momentan 0/5 Sterne.
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5