Die Venus aus dem Eis

von ,

Doku-Fiktion

320 Seiten (gebunden)
Knaus

Erscheinungsdatum: 13.09.2010

ISBN: 9783813503760

Rezension von

Verfasst am: 24.10.2010

Bewertung:

  • 4/5 Sterne.

Archäoliteratur

Eine Wortschöpfung ist es, die im Sinne der Autoren Sinn und Ziel des Buches beschrieben. Es stellt einen "archäoliterarischen“ Versuch dar. Das zumindest soll entstehen, wenn zwei anerkannte Wissenschaftler ihre Fachrichtungen zusammen bringen, um eine ganz andere Art der Kunstgeschichte zu schreiben.

Nicholas John Conard leitet als Professor die Abteilung Ältere Urgeschichte an der Universität Tübingen, Jürgen Wertheimer ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, ebenfalls in Tübingen.

Beide gemeinsam geben der Geschichte ihren Inhalt und ihren Rahmen. In der Form einer abenteuerlichen Novelle stellen beide eine junge Neandertalerin mit Namen Khar in den Mittelpunkt ihrer Geschichte. Diese trifft auf eine Gruppe einer sich neu entwickelten Menschenart, der Homo sapiens und soll auf diese Weise zu einem Bindeglied zwischen den Welten geworden sein. Und das in einer Welt, die sich anschickt, tiefen Wandlungen entgegen zu sehen. Die klimatischen Bedingungen ändern sich rapide, soziale Strukturen entfalten sich, ständige Aufbrüche kennzeichnen das Leben der frühen Menschen, Neandertaler wird es bald nicht mehr geben. Innerhalb der sozialen Strukturen entfalten sich zudem erste Ansätze von Kunst und Kultur. Das zeigen die archäologischen Funde der „Venus aus dem Eis“ und, fast zeitgleich, einer Flöte aus der gleichen Zeit. Aus diesen Ansatzpunkten durch die Funde her gestalten die Autoren die Grundintention ihres Buches, dass gerade die beginnende Kunst aus den verschiedenen Gruppen früher Menschen, eben aus Neandertalern und Homo sapiens gemeinsam hervorgegangen ist. Daher erklärt sich der Untertitel des Buches „Wie vor 40.000 Jahren unsere Kultur entstand“.

Im gesamten also erzählen beide Autoren einerseits eine abenteuerliche Geschichte mit ausgeprägten Charakteren, die sowohl sprachlich wie inhaltlich durchaus zu fesseln weiß. Die besonderen Stärken der Erzählung liegen dabei weniger auf aktionsgeladenen Szenen (auch wenn die ein oder andere schwierige Situation zu bestehen ist), sondern vor allem darin, den Leser in die Welt der Steinzeit zu entführen und vermittels der gestalteten Charaktere die Lebensumstände und Entwicklungen der prähistorischen Zeit fassbar zu gestalten. Mit fachlichen Einschüben und Erläuterungen werden zudem Geographie, Flora und Fauna, klimatische Bedingungen, Werkzeuge und Waffen, Lebensweisen und frühe Musik u.a. jeweils erläuternd eingeschoben.

Ein intensiver und durch die abwechslungsreiche Geschichte aus vielerlei Blickrichtungen der handelnden Personen auch differenzierter plastischer Eindruck des Lebens der Steinzeit dringt so durch die Seiten des Buches in die Gegenwart, bei dem die Autoren akribisch darauf achten, dem aktuellen Stand der Forschung jener Zeit zumindest nicht zu widersprechen.

Dennoch bleibt es nicht aus, dass eine Reihe von Elementen doch eher dem Bereich der Fantasy zuzuordnen sind, zu ungesichert sind viele Erkenntnisse, auch wenn Erklärungsversuche durchaus plausibel erscheinen mögen. Gerade über das Zusammentreffen von Neandertalern und Homo sapiens liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. So muten manche Passagen des Buches denn auch wie ein mythischer Bericht über Schamanen an oder wie eine Verlagerung aktueller sozialer Sinnfragen hinein in die Steinzeit.
Ebenfalls ist die sprunghafte Entwicklung der Kunst gerade im Bereich des Schnitzens sicherlich in dieser Form kaum in einem solch kurzem Zeitraum wie im Buch entstanden.
So verbleibt eine in sich schlüssige und gut zu lesende Geschichte des Lebens in der Steinzeit, getragen von überzeugend gestalteten Figuren, die allerdings gerade dem Untertitel nicht gerecht wird. Es hätte eher heißen müssen „So könnte es vor 40.000 Jahren auch gewesen sein“.
Dennoch ein empfehlenswertes Buch ob der vielen feinen und prägnanten Details der Lebensumstände, die in solchem gesammelten Überblick innerhalb einer literarisch fiktional gut zu lesenden Geschichte tatsächlich einen leicht verständlichen und teils intensiven Einblick in die Entwicklung der Menschheit geben.

Migliedermeinung

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