Ein Serienkiller (der Reisende), der in keine übliche Serienkiller-Kategorie passt, tötet in größeren zeitlichen Abständen anscheinend wahllos Menschen, die durch einen Zufall zum Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens verbunden sind (z.B. in einem Stau), danach verschwindet er. Er benützt keine Waffen, er hat kein Motiv, er lässt in der Regel niemanden am Leben, aber er tötet keine Kinder, er hinterlässt Spuren, nur zu fassen ist er nicht.
Eine Clique von fünf Mädchen (Stinke, Taja, Nessi, Schnappi und Rute) kommt durch Zufall an eine größere Menge Heroin, sie flüchten und ziehen (ungewollt) eine Spur der Verwüstung hinter sich her, wer ihnen hilft bekommt zumindest Besuch und in der Regel Probleme mit dem “Besitzer” des Heroins – Ragnar Desche, eine Größe im Berliner “Unterwelt-Milieu” (der Logist), der nicht nur seine “Ware” verloren hat, sondern auch seinen Bruder, den er tot (und ohne das bei ihm versteckte Heroin) auffindet – Tajas Vater.
Verschiedene Personen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, bewegen und entwickeln sich durch einen Strudel von Zufällen und Gewalt aufeinander zu.
Den ersten Thriller von Zoran Drvenkar “Sorry” habe ich als einen der besten deutschen Thriller in Erinnerung, den ich bisher gelesen habe. Damit hat es der Nachfolger nicht leicht, er muss sich damit messen lassen. Die Gefahr bei einem solch ungewöhnlichen (Thriller-) Debüt besteht, dass das (für mich) sehr hohe Niveau nicht gehalten werden kann oder die Idee nochmals (da schon einmal erfolgreich) etwas abgeändert aufgewärmt wird.
“Du” ist, obwohl es Parallelen zu “Sorry” gibt, anders und auf seine Weise ungewöhnlich. Dem Autor ist, meiner Meinung nach wieder ein sehr guter (Psycho-) Thriller/Drama/Roman gelungen, er kommt zwar nicht ganz an “Sorry” heran, das ist aber auch kaum möglich, denn die Weise, in der “Sorry” erzählt wurde, war bis dahin komplett neu und überraschend für mich.
Der Leser wird wieder Teil des Buches, er wird (bei “Du” jetzt noch ausgedehnter als bei “Sorry”) von einem scheinbar allwissenden und zeitweise recht zynischen Erzähler an die Hand genommen und direkt angesprochen, der Leser schlüpft in fast alle im Buch vergebenen Rollen, er ist “der Reisende”, “der Logist” oder auch eines von den Mädchen – und es funktioniert wieder – der Leser wird zu einem Teil des Buches, der Leser ist mit allen im Buch auftauchenden Personen verbunden, wie auch sie auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind. Bei “Sorry” war mir dieses “direkt angesprochen sein” anfangs etwas unangenehm, das war nachdem mir dieses Stilmittel nun schon bekannt war jetzt nicht mehr der Fall.
Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, die einzelnen Kapitel sind mit dem Namen des Charakters überschrieben, von dem der Teil des Buches handelt, wobei ich sagen muss, dass ich einige Namen (Stinke, Schnappi) recht dämlich fand, es hätte mir persönlich mit “normaleren” Namen besser gefallen.
Sprachlich und auch inhaltlich ist das Buch vielfältig und abwechslungsreich, jedem Charakter ist auch seine spezifische Weise sich auszudrücken gegeben.
Teilweise derb, teilweise eiskalt, ganz normal oder mit Selbstironie, aber auch in einigen Passagen ein wenig poetisch. Wie auch schon bei “Sorry” ist die wörtliche Rede nicht wie üblich gekennzeichnet – sie wird durch einen Bindestrich markiert, so erspart es dem Leser stetige Wiederholungen von “sagte x; meinte y…” aber leider manchmal ein wenig zu Lasten des Verständnisses.
Manche Begebenheiten werden von verschiedenen Charakteren aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, eigentlich die gleiche Geschichte, doch mit anderen Augen gesehen. Trotzdem weiß der Leser nicht alles, er weiß manchmal mehr als der Charakter, in den er gezwungenermaßen schlüpft, das heißt aber nicht, dass es nicht doch noch Geheimnisse gibt, die auch nicht mit den besten Freunden geteilt werden.
Die Covergestaltung (der Mann) gefällt mir persönlich nicht so gut, prinzipiell aber passt es – die düstere Stimmung des Buches wird gut visualisiert. Den Klappentext halte ich für absolut gelungen, er verrät nichts und er macht (zumindest mich) neugierig – so sollte es immer sein.
Der Einstieg ins Buch beginnt fulminant, mit dem “Reisenden” – es ist eine verschneite Nacht, ein Stau auf der Autobahn, als sich der Stau nach einigen Stunden auflöst, fahren einige Autos, die dem “Reisenden” zu nahe waren, nicht mehr weiter…
Danach muss man als Leser etwas am Ball bleiben, bis sich die Geschichte entwickelt hat, es gibt einige Handlungs- und Zeitsprünge und die Geschichten, die erzählt werden, können nicht wirklich eingeordnet werden – beschreiben sie Banalitäten oder hat das ganze einen tieferen Sinn. Man lernt die Mädchen kennen, scheinbar zusammenhanglos dazu findet Ragnar Desche seinen toten Bruder, scheinbar wahllos schlüpft man in andere Rollen, begegnet Zufallsbekanntschaften der Mädchen, Geschichten aus der Vergangenheit der Protagonisten oder begegnet Familienmitgliedern – alles wirkt anfangs verworren. Nach und nach lernt der Leser, zumindest teilweise, die Zusammenhänge zu verstehen, wobei auch vieles bis zum Ende im Dunklen bleibt und es immer wieder Wendungen gibt, die vollkommen unvorhersehbar sind.
Das Buch ist schnörkellos und teilweise recht “hart” geschrieben, es wird nichts beschönigt. “Sorry” empfand ich in punkto “Gewalt” als grenzwertig, “Du” ist immer noch sehr weit entfernt von einem weichgespülten Buch, aber geht dahingehend nicht ganz so weit – was ich ich als positiv erachte, denn oft wird nach einem Erfolg" noch (eine “Schippe drauf”) zugelegt, um noch mehr zu schocken.
Sehr viele Teile der Geschichten handeln von Beziehungen von Vätern und ihren Kindern, wie in der Kindheit erfahrene Gewalt zu neuer Gewalt führt, oder wie auch eine scheinbar normale Kindheit zu einem vollkommen gefühllosen Erwachsenen führen kann und dass prinzipiell Gewalt notwendig ist, um sich von seinen Eltern zu lösen (von ganz wenig bis zum Extremsten) um “selbst (Du) zu werden” – und immer wieder auch das “Prinzip Zufall”, eine Entscheidung und die daraus folgenden Konsequenzen – wie beim Domino, eigentlich fällt nur ein Stein, aber im Endeffekt beeinflusst er auch alles nachliegende.
Obwohl “der Reisende” immer wieder zuschlägt, ist “Du” kein Thriller, vor allem kein Ermittlungsroman, die Aufklärung der Morde spielt eigentlich keine Rolle und als Leser lernt man den “Reisenden” ja auch näher kennen – ein Roman (aber “nur” Roman – ist eigentlich zu wenig) wie ein beklemmendes Roadmovie. Es ist eigentlich unmöglich “Du” einem Genre zuzuordnen.
Der “Reisende”, der auf der Suche nach sich selbst, einem Ungeheuer (aus einem Märchen seiner Kindheit) begegnet und als Ungeheuer ohne Seele den Dämon ohne Herz sucht – einen Freund, oder zumindest “Gleichgesinnten”.
Eine Geschichte aus der Unterwelt, über Stolz, Rache und Vergeltung.
Geschichten über die Beziehungen von Eltern/Vätern zu ihren Kindern.
Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Probleme, Vertrauen, Verrat, Lügen, Liebe und Freundschaft, die über Grenzen geht – alle haben eine Gemeinsamkeit, sie sind auf der Suche, sie haben sich noch nicht gefunden.
Und das alles ohne zu belehren – Geschichten, ohne Wertung erzählt, die erst aneinandergereiht werden, dann zusammenfinden und, zwar einiges auflösen, aber nichts wirklich erklären, das Ende bestimmt der Leser für sich selber, er (Du) steht vor den Scherben vieler Leben und hat es selbst in der Hand Schlüsse aus den Geschichten zu ziehen.
Ein Buch, das für mich eigentlich keinem Genre zugeordnet werden kann.. Düster, verstörend und ungewöhnlich. In Stil und Ausdruck dem Vorgänger “Sorry” ähnlich.
Ein Buch, das, wenn man sich darauf einlässt, nachdenklich macht, aber auch ein Buch, das nicht jedem Leser gefallen wird, das polarisiert.
