Die Stille nach dem Schrei

von

Psychothriller

400 Seiten (Taschenbuch)
rororo

Erscheinungsdatum: 01.09.2010

ISBN: 9783499253706

Rezension von

Verfasst am: 12.11.2010

Bewertung:

  • 4/5 Sterne.

Irenes Mann ist verstorben, sie zieht den gemeinsamen vierzehnjährigen Sohn Jonas und ihren neunzehnjährigen Stiefsohn Martin allein auf. Am Rande einer Kirmes kommt es zu einer schrecklichen Tat – Jonas und ein etwas jüngerer Junge, Joey, der schwer misshandelt wurde, werden tot aus einer brennenden Scheune geborgen.

Der Tatverdacht fällt relativ schnell auf Martin, der allerdings beschwört, dass er Jonas in der Scheune dabei ertappt hat, wie er Joey zu Tode gequält hat und ihm daraufhin der sexuelle Missbrauch und die Gewalt, die ihm von seinem Vater angetan wurden wieder bewusst wurde und er (da Joey schon tot war) seinen Halbbruder im Affekt erschlug. Danach zündete er die Scheune an, um die Tat zu vertuschen. Irene fällt aus allen Wolken, ihr Leben ist ein Scherbenhaufen, wem soll sie noch glauben. Nach einer relativ kurzen Zeit der Untersuchungshaft wird Martin entlassen und Irene ist die einzige, die an seiner Version der Geschichte zweifelt.

“Die Stille nach dem Schrei” ist das erste Buch aus der Feder von Isolde Sammer, die bisher “nur” Drehbücher geschrieben hat und meiner Meinung nach kein Unbeachtliches. Ein Psychothriller, der sicherlich mehr für Frauen geschrieben ist, da es eigentlich Irenes Geschichte ist, die erzählt wird. Eine Geschichte, bei der der wahre Täter eigentlich von den ersten Seiten an bekannt ist, denn Martin gibt sich nur lammfromm, als Leser hat man aber recht schnell Einblick in seine Gedanken, die sich anfangs um den Sohn eines Mithäftlings drehen. Keine schönen Gedanken und es ist klar, Martin hat es geschickt verstanden die Menschen um ihn herum zu manipulieren und zu täuschen.
Als Leser leidet man von diesem Zeitpunkt an mit Irene, denn ihr Weltbild ist aus den Fugen. Hat sie als Mutter versagt, ist es möglich, dass ihr Kind zu so einer Tat fähig gewesen wäre. Hat sie ihren Mann überhaupt gekannt, war es möglich, dass er sich an Martin vergriffen haben könnte. Alles was sie weiß ist nicht wirklich sicher und natürlich sehen die Menschen in ihrer Umgebung auch nur das was sie sehen wollen – eine Mutter, die die Augen vor dem Missbrauch ihres Kindes verschloss, oder eine Frau, die ein Monster aufzog, das schon mit 14 Jahren die Untaten des Vaters perfektionierte.
Das Buch erzählt auf drei Ebenen oder Sichtweisen, zum einen aus der Sicht Irenes, dazwischen Sequenzen aus einem Brief, den Martins Freundin Tina an den im damaligen Mordfall ermittelnden Kommissar Schneider schreibt und immer wieder auch die Gedankenwelt Martins.
Das Buch beginnt mit dem Anfang von Tinas Brief an Kommissar Schneider, sie bittet ihn, auf ihren kleinen Bruder Benny aufzupassen und sie schreibt sich, nach und nach, nachdem sie erkannt hat, mit wem und auf was sie sich eingelassen hat, ihre Geschichte von der Seele, wie sie Martin vor einigen Jahren kennengelernt hat, wie er sie damals vor Mitschülern beschützt hat und, dass sie nach Jahren zufällig Martin als Beschuldigten im Mordfall an den beiden Jungen im Fernsehen sieht, von Anfang an von seiner Unschuld überzeugt ist und zu ihm halten will, wie er damals zu ihr gehalten hat. Für Tina der Beginn einer Abhängigkeit, für ihren kleinen Bruder eine stete unsichtbare Bedrohung.
Irene rappelt sich nach einiger Zeit wieder auf und ist überzeugt, dass Martin der wahre Schuldige ist, dass ihr Leben weder aus Lügen noch aus Selbstbetrug bestand und zusammen mit dem damals ermittelnden Kommissar Schneider versucht sie Beweise gegen Martin zu sammeln, auch um ihren Sohn Jonas und ihren verstorbenen Mann von den Beschuldigungen zu entlasten. Ihre widersprüchlichen Gefühle werden sehr gut dargestellt.
(Leider) lernt man auch Martins Gedankenwelt näher kennen, er ist gefangen in seinen pädophilen und grausamen Phantasien und Isolde Sammer lässt den Leser, für meinen Geschmack schon fast grenzwertig, daran teilhaben. Nun bin ich geschriebenem Horror nicht abgeneigt, auch gegen blutige Thriller habe ich keine Einwände, aber die Gedanken, die einem (fast) erwachsenen Menschen in Bezug auf (in diesem Fall männliche) Kinder kommen, waren mir fast zu widerwärtig und ich weiß auch nicht, ob es sein muss, diesen Menschen, ganz egal wie abscheulich sie als Person auch präsentiert werden, eine Plattform für ihre zutiefst ekelhaften und abartigen Gedanken geben muss. Da wäre meiner Meinung nach wirklich weniger mehr gewesen.
“Die Stille nach dem Schrei” ist trotzdem spannend, auch wenn die Sachlage eigentlich klar ist – erst möchte man Irene sagen, sie soll ihre Zweifel vergessen und die Augen offen halten, dann Tina schütteln, denn wie blind kann ein Mädchen vor Liebe sein, dass sie sich auf einen Mann wie Martin einlässt, der ihr auch immer mehr von seinem “wahren Ich” zeigt.
Das Buch ist genretypisch eher einfach zu lesen, Irenes und die Geschichte ihrer Kinder wird von mehreren Seiten beleuchtet und als Leser weiß man stets immer etwas mehr als die verschiedenen “Erzähler”.
Die Klischeedichte ist, obwohl das Buch eher in die Kategorie “Frauenbuch” einzuordnen ist, relativ gering. Die Charaktere sind gut und glaubwürdig angelegt und ausgearbeitet. Irene macht sich auf die Suche nach den Ursachen, was hat Martin zu dem werden lassen, was er heute ist. Tina liebt Martin bis zur Selbstaufgabe, nur ihr kleiner Bruder ist ihr letzter Halt und Bezug zur Realität.
Die Geschichte ist wahrlich abscheulich aber nicht künstlich und mit übertriebener Effekthascherei geschrieben, gerade deswegen, weil sie Realität sein könnte, ist sie so erschreckend. Wobei für mich da auch die Frage aufkommt, kann ein solches Thema zur (schnöden) Unterhaltung hergenommen werden – ich bin mir nicht wirklich sicher, aber das sollte jeder Leser für sich selbst entscheiden.
Das Ende ist, zwar im Gegensatz zum Rest des Buches deutlich schwächer, im Grunde genommen aber stimmig zum vorher Gelesenen, allerdings störten mich die (recht kurzen) “wissenschaftlichen” Ausführungen, was einen Menschen zu einem “Unmenschen” machen kann – genetische Disposition, etc., ich hatte das Gefühl, dass Fr. Sammer mehr nach einer Rechtfertigung für sich selbst gesucht hat, warum sie solch drastische Gewalt (wenn auch nur literarisch) darstellt. Wenn es Erklärungen für den Ursprung solch unsozialen Verhaltens geben sollte, denke ich auch nicht, dass es sinnvoll ist diese in einigen Worten in einem “Roman” abzuhandeln.

Isolde Sammer ist ein guter deutscher Psychothriller gelungen, jedoch hätten Martins Gedanken und Taten für meinen Geschmack etwas sensibler behandelt werden können und ist, durch die dargestellten pädophilen und auch brutalen Teile, nur bedingt weiter zu empfehlen.

Migliedermeinung

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