Das Wesen

von

Psychothriller

368 Seiten (Taschenbuch)
Fischer Taschenbuch

Erscheinungsdatum: 11.11.2010

ISBN: 9783596186327

Rezension von

Verfasst am: 23.11.2010

Bewertung:

  • 3/5 Sterne.

1994 – ein kleines Mädchen wird ermordet aufgefunden, die Kommissare Alex Seifert (ein Neuling) und Bernd Menkhoff (ein alter Hase) suchen im Umfeld des Kindes nach dem Mörder und werden nach einer Zeugenaussage fündig, der in der Nachbarschaft wohnende Psychiater Dr. Lichner wird, nach dem sich Menkhoff stark für seine Überführung engagiert hat, bei einem Indizienprozess, für 13 Jahre inhaftiert.

15 Jahre später erhält Kommissar Menkhoff einen anonymen Anruf, dass ein Mädchen verschwunden ist, der Anrufer nennt die Adresse, wo das Kind, bzw. seine Eltern wohnen sollen und legt auf. Als die beiden die Angaben überprüfen, fahren sie zu genannter Adresse und Dr. Lichner öffnet die Tür… und die Ermittler finden heraus, er hat eine kleine Tochter…

Das Buch beginnt mit einem Prolog aus dem Jahr 2007, ein Mann wird aus einer Justizvollzugsanstalt entlassen, er ist voller Hass und sinnt auf Rache. Wer dieser Mann ist, darauf wird nicht eingegangen, doch wird dem Leser relativ schnell klar, dass es sich bei dem ehemaligen Häftling um Dr. Lichner handeln müsste.

“Das Wesen” hat mir etwas besser gefallen als Arno Strobels Psychothriller-Debüt “Der Trakt”, welches mir einfach zu sehr Frauenbuch als Thriller war. Im Anschluss an “Der Trakt” konnte man bereits eine Leseprobe dieses neuen Thrillers von Arno Strobel lesen und die Leseprobe hat mich damals durchaus angesprochen, die ersten Seiten sind (wieder) als sehr spannend zu bezeichnen.
Aber auch schon wie beim Vorgängerbuch hatte ich meine Probleme mit dem Buch und den handelnden Personen “warm” zu werden. Aus Arno Strobel und mir scheint es (literarisch) irgendwie nichts zu werden. Ich höre und lese relativ viele gute, oder sehr gute Kritiken über Arno Strobels Bücher, bei mir funktioniert Arno Strobels Stil des Geschichtenerzählens nicht richtig, ich halte die Bücher für durchaus interessant und lesenswert, kann mich aber der allgemeinen Euphorie nicht anschließen, für mehr als (diesmal) eine gute Grundidee und einen etwas besseren durchschnittlichen deutschen Thriller, reicht es meiner Meinung nach einfach nicht aus.

Die Geschichte wird (prinzipiell) in zwei Zeitebenen, im Jahr 1994 und im Jahr 2009, erzählt (nur im Prolog wird einmalig die Zeitebene 2007 verwendet). In der ersten Hälfte des Buches wechselt der Leser in kurzen Kapiteln stets zwischen den Jahren 1994 und 2009. 1994 wird die Geschichte der verschwundenen 4jährigen Juliane und die Ermittlungen rund um ihr Verschwinden erzählt. 2009 begleitet der Leser Menkhoff und Seifert, wie sie wieder auf Dr. Lichner treffen, der sich wieder verdächtig benimmt. Die zweite Hälfte des Buches erzählt dann nur noch aus dem Jahr 2009.
Die Spannung resultiert anfangs weitgehend daraus, dass die beiden Geschichten parallel erzählt werden, die (relativ) kurzen Kapitel wechseln in der Regel mit einem Cliffhanger und natürlich möchte man als Leser wissen, wie die einzelnen Erzählstränge weitergesponnen werden und wird so sehr gut “bei der Stange” gehalten.
Betrachtet man allerdings die beiden Geschichten losgelöst voneinander, sind sie zwar durchaus recht spannend, aber nicht wirklich außergewöhnlich.
Weiterhin erzeugt Arno Strobel Spannung, indem er Alex Seifert schon 1994 an Menkhoffs Ermittlungsarbeit zweifeln lässt, Alex ist schon anfangs nicht 100%ig von Dr. Lichners Schuld überzeugt (behält seinen Verdacht aber für sich, da er sich als Neuling nicht unbeliebt machen möchte) und auch 2009 mehren sich die Anzeichen, dass evtl. Menkhoff etwas übermotiviert und voreingenommen gegenüber Dr. Lichner ist. Als Leser ist man sich stets nicht im Klaren, ob Dr. Lichner eventuell zu unrecht beschuldigt wurde oder ob er wirklich dafür verantwortlich ist, was ihm vorgeworfen wurde, aber auch bei Menkhoff kann sich der Leser nicht wirklich sicher sein, welches Spiel er spielt.
Und ich glaube hier ist der Knackpunkt, warum auch dieses Buch bei mir nicht funktioniert, ähnlich wie bei “Der Trakt”, weiß man als Leser nie wirklich, wer zu den “Guten” oder wer zu den “Bösen” gehört, fast jedes Kapitel wechseln auch die Verdachtsmomente, dieses stete “verdächtig on-off” – dieses Kapitel scheint er ein “Guter” zu sein, im nächsten Kapitel scheint er es nicht zu sein, sorgt anscheinend bei den meisten Lesern für besondere Spannung, bei mir sorgt es dafür, dass keiner der so dargestellten Charaktere mir wirklich nahe kommt, keiner wächst mir ans Herz, mit niemanden fiebere ich wirklich mit – ich bin Betrachter, stehe daneben, bin aber nicht im Geschehen.
Auch die Hauptcharaktere sind meiner Meinung nach nicht besonders gut angelegt, das größte Manko ist allerdings, dass für mich wirklich niemand wirklich sympathisch rüberkommt.
Da ist zum einen der Verdächtige Dr. Lichner ein durch und durch unsympathischer Mensch, arrogant und voller Selbstüberschätzung. Dann die Ermittler – Menkhoff, der gegenüber dem Verdächtigen übermotiviert, dessen Lebensgefährtin anbaggernd und eigenbrötlerisch (aber alles andere als sympathisch) wirkt. Alex Seifert bleibt farblos, er scheint sich in den 15 Jahren, die zwischen den beiden Fällen liegen, nicht wirklich entwickelt zu haben, er ist nicht in der Lage seine Verdachtsmomente gegenüber Menkoff zu benennen, oder einmal “auf den Tisch zu hauen” – von seinem Privatleben wird nicht viel beschrieben, aber wenn, dann jammert er sich bei seiner Lebensgefährtin aus (hmm, ganz nett, aber taugt auch nicht wirklich als (einziger) Sympathieträger).
Eine etwas größere Rolle nimmt noch die ehemalige Lebensgefährtin Dr. Lichners ein, Nicole Klemmend, die wahrscheinlich schön und geheimnisvoll wirken soll.
Es gab auch einige Nebenfiguren (Zeugen, etc.), die durchaus auch Potential gehabt hätten mehr Erwähnung zu finden.
Damit sind alle größeren Rollen vergeben, die aber (wenn sich schon auf wenige beteiligte Personen beschränkt wird) durchaus etwas mehr Tiefe und Geschichte haben hätten können.

Das Buch ist sprachlich einfach gehalten und leicht und schnell zu lesen. Meiner Meinung nach wurden etwas zu viele Cliffhanger bemüht, es passiert etwas – cut – nächstes Kapitel, wenn´s spannend wird – cut… Bei so vielen Wechseln ist es ganz sinnvoll, dass die Kapitel stets mit Datum und Uhrzeit überschrieben sind.
Die Dialoge fand ich teilweise (wie auch schon bei “Der Trakt”) einfach etwas hölzern und gestelzt.
Das Ende ist zwar stimmig, die Zusammenhänge werden für den Leser endgültig (und unter weiteren Wendungen) gelüftet, war aber zu dem weitesgehend unaufgeregten Rest des Buches etwas zu tief in der Klischeekiste gewühlt (ist natürlich auch Geschmacksache und mir persönlich kann man es im Bezug auf ein gutes Ende auch nur recht schwer “recht machen”).
Den Titel fand ich etwas irreführend, ich hätte spontan auf Science Fiction getippt.

Die Geschichte ist prinzipiell gut erdacht und intelligent angelegt, für meinen Geschmack allerdings etwas zu konstruiert und nicht optimal umgesetzt. Ein Buch, das mehr auf das (Psycho-) Duell zwischen zwei (leider unsympathischen) Menschen (Menkhoff + Lichner) setzt als auf blutige Effekte. Ein solider deutscher Psychothriller, mit meiner Meinung nach eindeutig verschenktem Potenzial.

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (5):

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