Die Kreuzzüge

von

Geschichte

Aus dem Englischen von Susanne Held

807 Seiten (gebunden)
Klett-Cotta

Erscheinungsdatum: 01.09.2010

ISBN: 9783608946482

Rezension von

Verfasst am: 03.01.2011

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Thomas Asbridges Historiografie der Kreuzzüge vereint eine sehr ausgewogene Darstellung mit eindrucksvoller Erzählkunst.

An den Versuch eine Geschichte der Kreuzzüge vorzulegen haben sich schon viele Historiker herangewagt, doch Thomas Asbridge ist es nicht nur gelungen eine sehr umfangreiche Historiografie der Kreuzzüge vorzulegen, sondern auch eine sehr spannende. Und Asbridges Erzählung bricht nicht einfach nach dem dritten Kreuzzug als Höhepunkt der Bewegung ab, seine Erzählung bleibt kohärent und folgt den Kreuzzügen bis zum Fall Akkons im Jahre 1291. Bis dahin beleuchtet Asbridge die Kreuzzüge nicht nur aus einer lateinisch-christlichen und muslimischen Perspektive, sondern flechtet auch immer wieder die Sichtweise der byzantinischen Kaiser ein. Es sind also zeitweise sogar drei Perspektiven, mit denen er den Konflikt verfolgt und dem Leser der ganzen Dramatik und Komplexität der Ereignisse teilhaftig werden lässt.

In aller Deutlichkeit formuliert, Asbridge weiß mit den weit über 700 reinen Textseiten (den Anhang also nicht miteingerechnet) wirklich etwas anzufangen. Er rattert nicht bloß Daten großer Schlachten herunter und bombardiert seine Leser mit zahllosen Namen fränkischer Grafen, sondern beschränkt sich durchaus auf die wichtigsten Protagonisten des Krieges um das Heilige Land. Zugleich erzählt er die Geschichte der Kreuzzüge fast wie einen Roman, er beleuchtet stets den Aufstieg und die Ambitionen seiner Protagonisten, wie Richard Löwenherz oder Sultan Saladin. Dadurch vermeidet er nicht bloß die Einseitigkeit, sondern kann auch die Quellen besser nutzen, um ein differenzierteres Bild der Ereignisse zu zeichnen. Und ganz nebenbei wird die Lektüre so auch spannender, denn da sich Asbridge Zeit und Raum nimmt die Protagonisten der Kreuzzüge vorzustellen kann man sich auch eher mit diesen identifizieren. DIE KREUZZÜGE ist insofern keine herkömmliche wissenschaftliche Abhandlung des Themas, sondern eine durchaus historisch fundierte Historiografie, die sich so problemlos auch einem breiteren Publikum erschließt. Asbridges Stil ist zudem alles andere als belehrend, sondern findet die richtige Gewichtung zwischen sachlicher Klarheit und der Kunst eine Geschichte plastisch wie auch spannend zu erzählen.

Asbridge beginnt seine Darstellung der Kreuzzüge zunächst mit der Frage, ob diese denn einem konkreten Anlassfall gefolgt wären. Die Pilgerstätten waren bereits vor Jahrhunderten in muslimische Hände gefallen, ein panarabischer Angriffsplan auf den christlichen Westen existierte angesichts der Spannungen zwischen Schiiten, Sunniten und überhaupt den lokalen Emiren, Kriegsherren und Heerführern nicht und die oft als Auslöser angeführten Verfolgungen ereigneten sich bei Führungswechseln immer wieder einmal. Die Mauren rangen zwar in Spanien mit christlichen Königen, aber ihre fernen Glaubensbrüder im Reich der Seldschuken hatten ganz andere Interessen. Die Ausgangslage für eine Invasion durch die Kreuzfahrer war im Grunde genommen ideal, die schiitischen Fatimiden Ägyptens rangen mit den sunnitischen Abbassiden Mesopotaniens und in der Levante herrschten lokale Würdenträger, deren persönliche Ambitionen einer kooperativen Nachbarschaftspolitik stets im Wege standen. In Europa wiederum sahen sich Papst Urban II. ganz in der Tradition seines Vorgängers Gregor VII. und des Reformpapsttums, welches den Vorrang des Papstes vor allen weltlichen Herrschern zu proklamieren versuchte. Gregor VII. selbst sah sich sogar dazu berufen Kaiser Heinrich IV. wegen des Investiturstreits und der damit verbundenen Missachtung päpstlicher Autorität zu exkommunizieren und sogar als Kaiser für abgesetzt zu erklären. Konkret plante der Papst mit Hilfe des Instruments der Kreuzzüge seine weltliche Macht über Mittelitalien hinaus auszudehnen, um etwa Frankreich in seinen Einflussbereich zu manövrieren.

Das moralische Dilemma der gläubigen abendländischen Ritterschaft, die sich einerseits in religiösem Eifer bewies, zugleich aber berufsmäßig dem sündigen Kriegshandwerk nachging, kam dem Papst sehr gelegen. Für die Vergebung ihrer Sünden sollten sich die künftigen Kreuzritter in den Dienst des Kreuzes stellen. Diese Ritter waren jedoch nicht wie weitläufig angenommen hauptsächlich die zweit- oder spätergeborenen Abkömmlinge, welche keinen Anspruch auf ein Erbe hatten, sondern einige der mächtigsten Grafen und Herzöge ihrer Zeit, wie die Grafen von Anjou, Stephan von Blois (dessen gleichnamiger Sohn König von England werden sollte) oder gar Fürst Bohemund von Tarent. Zudem sollte sich die Ausstattung eines Kreuzfahrerheeres als sehr kostspielige Angelegenheit erweisen, weshalb auch kaum mit Schätzen überschüttete Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land zurückkamen.

Schon im Ersten Kreuzzug wird sogleich deutlich, welch hohen Blutzoll der Zug ins Heilige Land erforderte und das oft weniger wegen der blutigen Schlachten, sondern vielmals wegen der entbehrungsreichen Reise, des Klimas oder der aufreibenden Belagerungen. Schwierigkeiten bereitete den ersten Kreuzfahrern auch die Beschaffung von Nachschub sowie das schon damals vorhandene Misstrauen des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos, der in den Kreuzfahrern zwar ein wünschenswertes militärisches Werkzeug sah, zugleich aber den Wankelmut der fränkischen Heerführer fürchtete, je näher sie Konstantinopel kamen. Alexios Nachfolger sollten jedoch noch weit unangenehmere Erfahrungen mit den Franken machen, woran der Kaiser des ersten Kreuzzugs nicht ganz unschuldig war. Zog er doch seine heranrückenden Verstärkungstruppen während der Belagerung Antiochias zurück, nachdem Stephan von Blois ihm gegenüber fälschlicherweise angenommen hat, die Kreuzfahrer wären längst von den herannahenden muslimischen Entsatztruppen Kerboga von Mosuls ausgelöscht worden. Kerboga selbst ist bereits ein Beispiel für jene muslimischen Feldherren, mit denen es die Lateiner im Outremer zu tun bekommen sollten. Der General plante nämlich seinerseits durch die Befreiung Antiochias zu einer eigenen Herrschaft in der Levante zu gelangen. Als es den Kreuzfahrern jedoch gelang, die Stadt einzunehmen ehe Kerboga sie erreichen konnte, wendete sich das Blatt noch einmal zu Gunsten der Kreuzfahrer, die schon handstreichartig mit einigen hundert Rittern zuvor die Grafschaft Edessa geschaffen hatten. Der Coup des ersten Kreuzzugs sollte jedoch die Eroberung Jerusalems werden, das zwischenzeitlich von den Truppen des ägyptischen Fatimiden-Kalifats erobert wurde, während man es in Edessa und Antiochia noch mit zumindest nominell den Abbassiden unterstehenden Herrschaften zu tun hatte.

Noch schwieriger als die Eroberung des Outremer präsentierte sich allerdings die Aufgabe dieses auch zu halten. Thomas Asbridge beschreibt diese Aufgabe als die wohl frustrierendste für die ersten Kreuzfahrer, die ihnen mit ihren minimalen Truppenaufgeboten nur gelingen konnte, weil ihre Feinde wiederum unter sich zerstritten waren und so zu keinem gemeinsamen Handeln schreiten wollten. Nachdem die Kreuzfahrer Antiochia zudem nicht wie erwartet an das Byzantinische Reich zurückgaben, traten erste Spannungen auf, die den noch aus dem Rückzug Alexios I. während der Belagerung Antiochias enstandenen Graben noch weiter vertieften. Selbst aus Europa kommende Verstärkungskontingente erwiesen sich oft nur als Tropfen auf dem heißen Stein, wenn nur ein Bruchteil dieser wie im zweiten Kreuzzug überhaupt im Heiligen Land ankam.

Unter dem muslimischen Feldherrn Zangi schien sich der Krieg bereits wieder zu Ungunsten der Kreuzfahrerstaaten zu entwickeln, als es diesem gelang mit Edessa den ersten der Kreuzfahrerstaaten zu Fall zu bringen. Doch Zangi wie auch sein begabter und gefürchteter Sohn Nur ad-Din sahen ihre Prioritäten nicht in der vollständigen Auslöschung der Franken, sondern der Eroberung des südlich ihrer Bastion Aleppo gelegenen Damaskus. Eine wirkliche Wende im Überlebenskampf des Outremer sollte der Aufstieg des wohl begabtesten Offiziers in Diensten Nur ad-Dins bewirken, eines Manns, der uns als Saladin bekannt werden sollte.

Der junge kurdische Offizier, der mit einem Heer seines Onkels nach Ägypten beordert wurde, sollte dort unerwartet Karriere machen. Sich als leicht zu beeinflussender Kandidat für das Wesirat präsentierend gelangte der Sunnit Saladin so in eine Spitzenposition des schiitischen Fatamiden-Kalifats. Doch anders als erwartet ließ der ambitionierte Saladin schon bald alle Masken fallen und erwies sich als am fatimidischen Hof überlebensfähiger als seine Gegner. Nachdem er begonnen hatte seine Familienmitglieder in einflussreiche Positionen zu hieven und so die Grundlage für seine künftige Macht schuf, begann er die Fatimiden zu demontieren und löschte sie sogar aus, um seine eigene Dynastie der Ajjubiden zu den neuen Herren Ägyptens zu machen. Doch auch mit dieser Machtfülle ausgestattet schritt Saladin noch nicht gegen Jerusalem und dessen durch den Lepra-König Balduin IV. einmalig geschwächte Führung ein. Saladins Ziel galt zunächst der Nachfolge Nur ad-Dins, in dessen Diensten er sogar noch stand. Während in Jerusalem die politische Zukunft angesichts der Weigerung Balduins zurückzutreten und seiner Entscheidung, seinen erst fünfjährigen Neffen als Balduin V. zum Mitregenten zu machen, einen Bürgerkrieg heraufzubeschwören begann, festigte Saladin um das Outremer herum seine Macht. Die Territorien der einst verfeindeten Emire gelangten unter seine Kontrolle und es ergab sich erstmals eine breite Front gegen die Kreuzfahrerstaaten.

Saladins legendärer Gegenspieler im dritten Kreuzzug scharrte jedoch bereits in den Startlöchern für seinen Versuch Jerusalem zurückzuerobern. Der von Thomas Asbridge vorgestellte Richard I. Löwenherz ist jedoch alles andere als die verklärte englische Heldengestalt. Der angevinische Prinz war sogar nicht für die Thronfolge bestimmt, kämpfte jedoch verbissen darum zumindest in einem Teil des Reichs Heinrichs II. seine Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Zu Gunsten kam ihm dabei der Tod seines älteren Bruders und zeitweilige Allianzen mit dem französischen König Philipp II. August. Kaum hatte Richard allerdings die Krone für sich erobert und dabei sogar den von seinem Vater favoritisierten Prinz John umgangen, beschloss er jedoch zusammen mit Philipp sich dem neuen Kreuzzug anzuschließen, nachdem Jerusalem als Folge der verheerenden Schlacht von Hattin verloren ging. Innenpolitisch umstritten und außenpolitisch nur schwach gegen Philipp abgesichert sollte sich Richard jedoch als die bedeutendste Führungsfigur des dritten Kreuzzugs erweisen, nachdem der für diese Rolle eigentlich prädestinierte Kaiser Friedrich I. Barbarossa nie im Heiligen Land ankam. Seine innenpolitischen Probleme sollten Richard schließlich auch zu seinem verfrühten Abzug zwingen.

Als totaler Fehlschlag und Eskalation der Spannungen mit dem Byzantinischen Reich erwies sich schließlich der vierte Kreuzzug, in dessen Verlauf nach der Plünderung der Hafenstadt Zara Konstantinopel selbst zur Endstation der Kreuzfahrer wurde. Dort gründeten sie das kurzlebige lateinische Kaiserreich Romania, während die Byzantiner sich in Kleinasien neu organisierten. Der Aufstieg der Mamluken unter ihrem Sultan Baibar sollte schließlich das Ende der Kreuzfahrerstaaten besiegeln, während im Osten durch die Mongolen bereits eine neue Gefahr über den Nahen Osten hereinzubrechen begann.

Warum die Kreuzfahrer scheiterten und die muslimischen Rückeroberer schlussendlich den Sieg davon trugen, beleuchtet Thomas Asbridge abschließend im Epilog. Es war ein Grenzkrieg und den Vorteil genossen schließlich jene, die näher an dieser Grenze lagerten, wodurch sie einfacheren Zugang zu frischen Truppen hatten. Aber auch die Bedeutung großer Persönlichkeiten wie Nur ad-Din oder Saladin, sowie des grausamen Baibar sollten sich ebenfalls als Vorteil erweisen. Ebenfalls im Epilog beschäftigt sich Asbridge auch mit den modernen Folgen der Kreuzzüge wie 9/11 oder der Renaissance des Dschihad-Gedankens, sowie der Kreuzfahrer-Rhetorik seit dem Aufschwung des arabischen Nationalismus unter Gamal Abdel Nasser.

Fazit:
Eine Gesamtdarstellung der Kreuzzüge, die ihresgleichen sucht. Spannend, informativ, ausgewogen und vor allem umfassend.

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