Die hellen Tage

von

Roman

544 Seiten (gebunden)
S. Fischer Verlag

Erscheinungsdatum: 11.02.2011

ISBN: 9783100052223

Rezension von

Verfasst am: 10.02.2011

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Die prägende Zeit des Heranwachsens

Ein kleiner Flecken am Neckar, im Buch nahe bei Heidelberg angesiedelt, ist der Ort, an dem Zsuzsa Bánk ihre Geschichte ansiedelt. Kirchblüt, ein Ort wie geschaffen zum Heranwachsen, wenn man Kind ist, die sicheren Straßen, das freie Leben und den kleinen See mag und zu nutzen versteht. Vermeintliche Sicherheit, muss man sagen, aber das wird sich erst später herausstellen. Ein Ort auch, an dem zumindest eine ganz offenkundig exotische Familie lebt.

Evi, die Frau, die nicht lesen und schreiben kann, die in einem windschiefen, von ihrem Mann Zigi, zusammengebauten Haus am Rande des Dorfes lebt mit Aja, der Tochter, eher im geschwisterlichen denn im Mutter Kind Verhältnis. Evi, die exotische Frau, die in der Wahl der Kleidung, im Verhalten, in allem so hervorsticht aus der beschaulichen, dörflichen Idylle. Und Zigi, der Mann, der nur einige Wochen im Jahr vor Ort ist, Zirkusartist nicht nur von Beruf, sondern aus seinem ganzen Wesen heraus. In den wenigen Wochen aber ist er ganz aufgehend in seinem Verhältnis zu Aja, lebt intensiv mit Evi und verschwindet dann doch wieder in die Fremde, mit dem Bus, hinaus aus dem Dorf, dem Land, in die Welt hinein.

Eine exotische, wunderbar verspielte Familie. Die ebenso liebevoll sprachlich durch Zsuzsa Bánk dargestellt wird. Aber nicht die einzige, die einen wesentlichen Platz im Buch einnehmen wird. Terese wird die beste Freundin Ajas und lebt fast mit in dem kleinen, windschiefen zwei Zimmer Haus mit dem großen, verwilderten Garten. Seri genannt lebt sie mit ihrer Mutter alleine, nachdem ihr Vater an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Und Karl tritt hinzu. Die Eltern getrennt und doch als Familie miteinander geeint durch ein tragisches Unglück. Denn einmal war der Ort nicht ruhig und sicher. Einmal wurde ein Kind auf offener Strasse in ein fremdes Auto verfrachtet und tauchte nie wieder auf. Der Junge Benedikt, genannt Ben und Karls Bruder. Jener Ben, der Karl durch eine Unachtsamkeit die helle Stelle in den Haaren und die verbrannte Hautstelle im Gesicht verschafft hat.

Drei Kinder, die ihre eigene, auch belastende Prägung durch die Lebensverhältnisse erfahren. Aja mit ihrer engen Bindung zum Vater, der fast nie wirklich greifbar ist und nur durch kleine Briefe mit Zeichnungen den Kontakt hält. Seri, deren Mutter die Firma des Mannes nach dessen Tod über Nacht übernehmen musste und Karl, der seine Murmeln sammelt und in Evis Haus deponiert, damit Ben, wenn er wieder auftauchen sollte, etwas hat, was ihn erinnert. Kinder mit einer leeren Stelle der Sehnsucht. Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen.

Und drei Mütter, die über die Kinder miteinander in Verflechtung geraten werden. Seris Mutter, die lange Zeit den Garten und das Haus am Rande des Dorfes nicht betreten will und dann doch in engen Kontakt zu Evi gerät, in nagender Sehnsucht nach ihrem verstorbenen Mann. Karls Mutter Ellen, die beständig versucht, die innere Dunkelheit zu vertreiben, sich gerne einfach wegdrehen würde und ihr Leben dabei liegen lassen möchte wie einen alten Mantel. Und Evi, die stark und verspielt wirkt und doch das ganze Jahr nur auf Zigi wartet. Drei Mütter mit leeren Stellen, Tragödien, Verhältnisse, die Aja, Terese und Karl prägen.

Zudem wartet das Buch nach einem langen, fast nur in einem begrenzten Zeitraum der Kindheit der Drei spielenden ersten Teil mit weiteren Öffnungen lange gehüteter Geheimnisse auf, die die Welt der nun älteren Jugendlichen weiter erschüttern werden und ihren späteren Lebensweg stark beeinflussen werden.

Prägende Umstände, besondere Belastungen, wie weit reichen diese Prägungen?
Sind Erwachsene letztlich nur das, was sie als Kinder geprägt hat?

Subtil und mit poetischer, fast aber auch beiläufiger Sprache zieht Bánk im Verlauf ihre Geschichte Linien, die durch das Leben hindurchreichen. Lässt in ihrem Protagonisten Zigi ganz vordergründig in den Raum treten, dass die Geschichten des Lebens mit der Macht ihrer Worte fast mehr noch an Prägung in das Leben setzen, als die tatsächlichen Ereignisse. Zsuzsa Bánk selbst findet zu einer sprachlichen Form, die fast betörend meditativ perlt, die in ihrer Sprachkraft selbst den Anschein erweckt, die hellen Tage des Sommers in Kirchblüt festhalten zu wollen gegen die Dunkelheiten des Winters und im Inneren der Protagonisten. Eine ständig perlende Sprachkraft, die die Figuren bis ins Innerste auszuleuchten versteht.

Andererseits finden sich Wendungen und weiterführende Konstruktionen in der Geschichte, die hier und da ein wenig weit hergeholt wirken. Die genauen familiären Verbindungen zwischen Zigi, Evi und Aja sind solch etwas künstlich Wirkendes. Andere Momente und Verflechtungen wirken ebenfalls wenig glaubwürdig, auf den ersten Blick.

Dennoch überzeugt der Roman als Geschichte, in seinen Figuren und der poetischen, immer fließenden Sprache ebenso, wie in seinem Duktus der inneren Entwicklung von den rein hellen Tagen unbeschwerter Kindertage allmählich in auch die dunklen Zeiten des Lebens hinein, bis sich zum Schluss ausdifferenziert, in welcher Form und wieweit die Prägungen der Kindheit das erwachsene Leben mit bestimmen werden.
Aber auch ein Buch über die schmerzliche Sehnsucht nach dem unverdorbenen, einfachen Glück der Kindheit, dass späterhin in so vielen anderen Bezügen so schwer zu finden ist, als Sehnsucht aber erhalten bleibt.

Migliedermeinung

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