Apocalypsia

von

Fantasyroman

624 Seiten (gebunden)
Rotbuch

Erscheinungsdatum: 12.08.2010

ISBN: 9783867891080

Rezension von

Verfasst am: 18.02.2011

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Die Welt gerät langsam aus den Fugen, seltsame Lichterscheinungen am Himmel läuten den Untergang ein, immer schneller verändert sich das Klima – es wird immer heißer, Umweltkatastrophen treffen Mensch und Tier, die Menschheit steht sozusagen vor den Trümmern der bisher bekannten Welt.

In dieser Welt begegnen sich zwei Frauen, Judith, die sterben wollte, deren Selbstmord aber durch ein “Wunder” verhindert wurde und Esther, ihre behandelnde Ärztin, die prinzipiell schon ihr eigentliches Leben (an ihr Schicksal) verloren hat.
Die Welt der Menschen und die Welt der Engel können nur im Gleichgewicht miteinander existieren, Veränderungen auf der einen Seite bewirken immer auch Veränderungen auf der anderen Seite. So wird ein Engel geboren, Nathanel, das erste Mal in der Geschichte der Engel, dass ein versehrter nicht perfekter Engel geboren wird. Er wird von seinem Lehrmeister, dem Protestas Iax, ausgebildet und zu Gott geführt, wo sich die Engel sammeln, die an Gott glauben und die auf einen Führer warten, der sie zum letzten Kampf zwischen Gut und Böse führt, denn Gott liegt im Sterben und Luzifer sammelt die Zweifelnden um sich, um die Macht zu ergreifen und die Menschen für immer auszurotten, um sozusagen den biblischen Urzustand für die Engel wieder herzustellen.

Ich gehöre ja eigentlich der (blutigen) Thriller-Fraktion an, aber, ab und an, vor allem, wenn ich ein wenig mehr Zeit habe und nicht nur vor dem Einschlafen lese, darf es auch gerne mal etwas anspruchsvoller sein.
Somit habe ich meinen “Resturlaub 2010” (unter anderem) mit “Apocalypsia” verbracht.
Ein Buch, das ich nicht für langweilig halte und das mich (auch bei den recht umfangreichen 622 Seiten), für mehr als drei Tage (an denen ich relativ viel Zeit hatte) am (konzentrierten) Lesen hält, ordne ich als anspruchsvoll ein. Ein Buch, das ich nicht nur für schön, außergewöhnlich und gelungen halte, welches mich auch noch Tage später beschäftigt, ordne ich dazu noch in meine private Kategorie “monumental” ein – und dahin schaffen es nicht viele. Nun, Apocalypsia hat´s geschafft.
Ein Buch über Engel – gefährlich – das könnte für mich persönlich thematisch auch vollkommen daneben gehen, gerne führen Fantasy-Geschichten schnell in eine kitschige Richtung – Setting: momentan erfolgreiches Vampir Thema, Austausch der Untoten mit Engeln, seichte Liebesgeschichte mit oder ohne ganzheitlicher Esoterik-Keule.
Nein, das Buch bewegt sich in eine ganz andere Richtung, zwar kann man ihm einen gewissen Pathos nicht absprechen, doch für mich in einer erträglichen, zum Thema passenden Weise, die ich in diesem Kontext, vollkommen tolerieren kann.

Anfangs könnte man aber allerdings schon denken, dass man sich in einen typischen (esoterisch) angehauchten Frauenroman verirrt hat. “Apocalypsia” beginnt mit Judith und Esthers Geschichte. Da sollte man etwas am Ball bleiben, es entwickelt sich…

Das Buch beschreibt zwei Ebenen, die uns bekannte Welt der Menschen, die wörtlich genommen der Apokalypse mit großen Schritten entgegen geht und die Welt der Engel, die sich ebenfalls in Auflösung befindet, da sie mit der Welt der Menschen verbunden ist und nicht im Ungleichgewicht dazu bestehen kann. Wobei die Ebene der Engel den weitaus größeren Teil des Buches einnimmt.
Für alle Leser, die sich mit der Hierarchie der Engel nicht beschäftigt haben, ist sie auf einer der ersten Seiten des Buches nachzulesen.

Alles konnte lange friedlich im Gleichgewicht nebeneinander existieren, starb ein Mensch, wurde er als Engel wiedergeboren, bis zu dem Zeitpunkt, an dem den Engeln klar wird, Gott liegt im Sterben, auch die Ewigkeit ist nicht unendlich.
Gott spricht plötzlich nicht mehr zu den Engeln, darauf hat sie niemand vorbereitet, sie sind nicht in der Lage diese göttliche Leere zu füllen. Sie halten strikt an Ritualen fest, die fast an höfisches Zeremoniell erinnern, sie sind hart (-herzig) und nicht in der Lage zu vergeben, die Fähigkeit zu Vergebung ist ihnen nicht gegeben, das kann nur der Vater.
Die Engel sind auf ihre Weise genau so blind und unperfekt wie die Menschen, beide verschließen die Augen, die Menschen vor dem Raubbau an Natur und Umwelt (auch vor Gott), die Engel vertrauen blind auf Gott, sind ohne etwas zu hinterfragen, vollkommen ihrem Schicksal ergeben und stehen ungläubig vor den “Lügen ihres Daseins”, denn auch die Ewigkeit ist anscheinend endlich.
Erschüttert von dieser Erkenntnis, dass die Unsterblichkeit eine Lüge ist, lehnt sich manch ein Engel gegen die alte Ordnung auf. Diese Gelegenheit nutzt Luzifer um nach jahrtausendelanger Verbannung nach der Macht zu greifen, Zweifel und Zwietracht unter den Engeln zu säen und Verbündete gegen die alte Ordnung zu finden.

Nathanael wird (aus Feuer) geboren, unter der Prophezeiung, dass er die Rettung für die zerbrechende heilige Ordnung ist. Sein Lehrmeister Iax wohnt seiner Geburt bei und erlebt zum ersten Mal, dass ein Engel nicht vollkommen zur Welt kommt.
Iax zweifelt stets an ihm und glaubt nicht, dass er die vorausgesagte Rettung sei, er bildet ihn aber trotzdem, wie ihm geheißen, aus und führt ihn zu Gott.
Nathanel muss lernen zu kämpfen, nicht nur um in die “letzte Schlacht” zu ziehen, sein wahrer (persönlicher) Kampf ist um Iax´ Liebe zu kämpfen, Iax, der vollkommen gottergeben ist, die göttliche Ordnung nie in Zweifel zieht und zum ersten Mal in seinem Dasein Zweifel verspürt, da er Nathanael abgeneigt ist.
Nathanael ist nicht nur körperlich missgebildet, er hat auch Fähigkeiten (die allen anderen Engeln fehlen) – er kann mit allen Gottesgeschöpfen mitfühlen und er kann sich an die Liebe seiner Mutter (in der Menschenwelt) erinnern.
Nathanaels Weg, sein “Werden” und auch Iax´ (stumme) Erkenntnis ist für mich die Haupthandlung des Buches. Dazu kommen natürlich auch noch unzählige kleine Rahmenhandlungen und Personen, die den beiden auf ihrem Weg zu oder bei Gott begegnen.

Das Buch gipfelt im Endkampf zwischen “Gut” und “Böse” einem monumentalen Kampf der Engel und quasi im (fast vollständigen) Untergang der Welt der Menschen.
Das ist jetzt zwar kein vollkommen unbeschriebenes Territorium, ist aber passend und (für meinen Geschmack) interessant umgesetzt.

Es gibt natürlich sehr viele Bezüge zur christlichen (nicht nur ausschließlich biblischen) Mythologie, Kenntnisse darüber sind aber nicht unbedingt notwendig, wobei ich sagen muss, dass ein “gewisses Wissen” das Buch interessanter macht, es gibt recht viele Möglichkeiten für Eigeninterpretationen, oder auch Denkanstöße.
Das beginnt schon bei den Namen der Charaktere – Judith oder auch Esther (“beide tauchen (mythologisch) als Retter(innen) des Gottesvolkes auf”) oder Nathanael (was mit “Gottesgeschenk” übersetzt werden könnte), so kann der Leser zu allen Namen passende (mythologische) Querverbindungen finden.
Sehr viele Bezüge habe ich auch zur Offenbarung des Johannes gesehen, so die “Plagen”, die die Menschheit heimsuchen, aber wieder auch einige Personen/Namen, die (außerhalb der Apokryphen) in der Bibel nur in der Offenbarung des Johannes vorkommen.
Wer möchte, findet unzählige interessante Fragen, die sich der Leser selbst beantworten kann, wenn er möchte – über “Gut” und “Böse”, die eben auch im Gleichgewicht sein müssen, und dass das eine das andere bedingt und beide nicht ohne einander bestehen können – nur “Gut” ist eigentlich auch kein erstrebenswerter Zustand, bzw. ist “Gut” nicht gut, wenn es “Böse” nicht gibt… (hmm, genug jetzt mit meiner kruden Philosophie).

Das ist aber nur ein Aspekt des Buches (welcher manchem Leser wahrscheinlich auch gar nicht so sehr ins Auge springt), es handelt sich jedenfalls nicht ausschließlich um christliche Religionstheorie und/oder ermüdende Bibelgeschichten, im Gegenteil das Buch bietet nicht nur tiefgründiges und zum Nachdenken anregendes, es bietet auch eine schöne, manchmal auch recht traurige, schwere Geschichte (die sich, wie auch Nathanael entwickelt), Endzeit-Fantasy (mit Engeln, ohne Fabelwesen), verbunden aber immer auch mit einem “Fünkchen” Hoffnung.
Bildhaft (auch sehr ausführlich) schön geschrieben, einwandfrei recherchiert, hintergründig, spannend und phantasievoll aber auch unbeschönigend, hart, gewaltig. Weitab von den puttengleichen pummeligen süßen Engelchen und alles ohne “Missionierungstouch”.

Das Ende schließt das Buch würdig ab, gibt aber auch keine Erklärungen für die großen Fragen der Menschheit – zurück bleibt wieder enormer (wenn er denn genutzt wird) Spielraum für eigene Interpretationen – es muss (oder kann) sich jeder Leser seinen eigenen Teil dazu (aus- oder weiter-) denken.

Auch Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt (nein, nicht von mir, von J. P. Sartre).

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (4):

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