Freitisch

von

Novelle

160 Seiten (gebunden)
Kiepenheuer & Witsch

Erscheinungsdatum: 24.02.2011

ISBN: 9783462043181

Rezension von

Verfasst am: 21.02.2011

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Wiedersehen: Freude oder melancholische Erinnerung?

Sich nach dreißig Jahren plötzlich und unerwartet wiederzusehen, das ist schon eine gehörige Überraschung!
Hier der Lehrer aus Anklam, dort der Investor aus dem immer noch als „Westen“ bezeichneten vereinigten Deutschland.

So lange ist es her, dass sich die beiden an der Uni in München in der Mittagszeit zum „Freitisch“ einer spendablen Versicherung trafen! Arno Schmidt und Fragen, die sich um Gott und die Welt drehten, waren die gemeinsamen Bezugspunkte. Was ist aus ihnen und den anderen allen geworden?

Den Icherzähler hat es nach der Wende als Lehrer nach Anklam verschlagen, in eines der armen Länder der „Nachwendejahre“. Der Jurist Euler beginnt bei dieser unerwarteten Begegnung erst langsam aufzutauen, als sich ihm der Icherzähler bei einem zufälligen Treffen vor dem Rathaus der Stadt zu erkennen gibt. Die Gedanken der beiden wandern zurück zu den frühen sechziger Jahren, ihrer gemeinsamen Studienzeit.

Uwe Timm ist der Meister der Erinnerungsliteratur. Auch hier gelingt ihm ein Rückblick, der alte Erwartungen, Hoffnungen und Erinnerungen weckt und zu der Frage führt, wie es denn für jeden einzelnen weitergegangen ist seit damals. Was wurde aus dem Dichter? Wer hat Frau und Kind, wer beruflich Erfolg gehabt?

Man kennt diese Begegnungen, bei denen die Blicke in die Vergangenheit tauchen, um allmählich Vergleiche anzustellen und Schicksale Revue passieren zu lassen.
Langsam, tastend und abwägend beäugen sich die beiden ehemaligen Kommilitonen und kommen zu den Fragen, die sie so brennend interessieren. Doch alles ist gelaufen, wie Lebensverläufe nun einmal sind: von einigen weiß man nichts mehr, die anderen haben sich bürgerlich etabliert oder sind unverheiratet geblieben.

Die in einem assoziativen Ton gehaltene Novelle, in der Uwe Timm die Vergangenheit hervorzaubert, präsentiert die sechziger Jahre treffend, sprachlich gewandt und genau. Noch lebte man in einer verhältnismäßig ruhigen Zeit, siezte sich und erging sich in Schwärmereien für den Schriftsteller Arno Schmidt. Höhere Bildung hatte noch einen Wert an sich. Die Thesen von Adorno, Marx und Herbert Marcuse waren bis dahin nicht Themen am Mittagstisch. Der Beginn in ein eigenes Leben verlief verhältnismäßig ruhig gemessen an dem, was später zuerst mit den Blumenkindern und noch später mit der RAF als Gipfel einer langen Aufbruchsphase aus der Studentenbewegung hervor ging.

Leicht melancholisch gefärbt erscheinen die fernen Jahre den beiden ehemaligen Studenten. Aus einer Zufallsbegegnung ersteht die Vergangenheit. Man redet, erinnert sich und trennt sich wieder. So ist das Leben! Die Vergänglichkeit tritt offen zutage.

Migliedermeinung

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