Inzucht und die denkbare Gesellschaft

von

Science Fiction

352 Seiten (Taschenbuch)
p.machinery

Erscheinungsdatum: 01.11.2010

ISBN: 9783942533133

Rezension von

Verfasst am: 24.02.2011

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Was wäre, wenn das, was wir als pervers betrachten, wenn das, was wir unter Strafe stellen, wenn das, was wir verabscheuen … normal wäre, gesellschaftlich anerkannt, und nicht nur das: notwendig, lebens- und überlebensnotwendig, um eine denkbare Gesellschaft zu erhalten?

„Was liest du denn da?“, musste ich mich fragen lassen, als ich das Taschenbuch von p.machinery in der Hand hielt. „INZUCHT“ prangte ganz groß auf dem Cover. Und das Foto von zwei Mädchen, die Kopf an Kopf auf der Erde liegen und mit großen, braunen Augen in die Kamera blicken. Kühle Farben dominieren.
Und ich wurde nicht nur einmal nach dem Buch gefragt. Immer wieder wiesen Freunde und Bekannte mit fragenden Gesten auf das Buch. Sicherlich sind Missverständnisse möglich. „Was ist denn das?“
Meine Antwort: „Eine Sience-Fiction-Antho. Eine wirklich gute sogar.“
Worum es geht? Um Inzucht. Aber weder werden irgendwelche verabscheuungswürdigen Praktiken beschrieben, noch wird zum kollektiven Inzest aufgerufen. Neunzehn Autoren haben sich die Frage gestellt: Unter welchen Bedingungen kann es dazu kommen, dass sich innerhalb einer Zivilisation Inzucht durchsetzt und wie müsste eine solche Gesellschaft aussehen? Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Namen der Autoren.
Nicht nur Utopien, auch Dystopien (Anti-Utopien) werden vor dem Leser ausgebreitet und ich gebe es ehrlich zu: bei manch einer der Geschichten beschlich mich ein beklemmendes Gefühl. Was wäre, wenn eine Bio-Waffe die Unfruchtbarkeit unter Nicht-Geschwistern weltweit als Nebenwirkung hat? Was wäre, wenn die Menschen irgendwo im All auf eine Zivilisation treffen, die nach Insekten-Richtlinien aufgebaut ist? Was wäre, wenn ein Virus all die befällt, die sich außerhalb eines eng begrenzten Bauernhofes befinden und nur dort Menschen dann überleben können, Generationen lang, innerhalb ihrer kleinen Familie? Die Autoren stellten sich diesen und ähnlichen Fragen und den meisten ist es gelungen, Antworten zu finden, die ich Wort für Wort verschlungen habe.
Inzucht, ein Tabu-Thema in unserer Welt, wird hier umfassend beleuchtet, aus der Sicht anderer, möglicher Welten … möglicher Zukünfte. Vielleicht rührt meine Beklemmung bei manchen Geschichten ja auch daher, dass sich Herausgeber Michael Haitel und die Autoren an genau dieses Tabu gewagt haben. Und wie vorbelastet dieses Thema in unserer Gesellschaft ist, zeigt der Tanz, den Michael Haitel mit BoD Norderstedt ausgetragen hat (siehe Nebenbei-Info weiter unten). Mut zur Lücke, würde ich mal sagen, denn mir ist kein Werk bekannt, das das Thema Inzucht auf diese „Was-wäre-wenn“-Weise behandelt. Das ist gut so und lässt hoffen, dass andere Werke aus der p.machinery-Schmiede eine ähnliche Qualität aufweisen.
Und noch etwas: Wer Happy-Ends liebt, sollte das Buch nicht anfassen.
Das Buch ist gut verarbeitet, die Größe handlich, das Cover interessant. Das Lektorat hat gute Arbeit geleistet, mir sind keinerlei Druckfehler aufgefallen. Eine Autorenübersicht am Ende rundet das Buch ab.

Schade, dass momentan wohl nur 100 Exemplare gedruckt worden sind. Nach Informationen von Michael Haitel ist es aber möglich, weitere Exemplare ohne Mehrkosten drucken zu lassen.
Interessante Nebenbei-Info: Michael Haitel hatte Trouble mit BOD Norderstedt, die das Buch auf Grund des Inhaltes nicht drucken wollten. Vermutlicher Weise ohne sich genauer mit dem Inhalt zu beschäftigen, wurden Cover und Titel des Werkes gesichtet und für „nicht druckbar“ befunden. Wo liegt da das Problem? Ein wenig mehr Engagement der BoD-Mitarbeiter hätte das Missverständnis aufklären können.
Der aktuelle Druck erfolgte kostengünstiger über einen anderen Anbieter aus Passau, der sich mit dem Inhalt vertraut gemacht hat.

Zehmsches Testurteil: uneingeschränkt empfehlenswert

Migliedermeinung

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