Was, wenn ein Krieg uns aus dem sicheren Leben reißt und uns zu Flüchtlingen macht? Dieses kleine Büchlein mit großem Inhalt ist eine Einladung an unser Vorstellungsvermögen und ein Appell für mehr Mitmenschlichkeit.
Vor kurzem erschien Janne Tellers erster Aufsehen erregender, sensationeller Jugendroman „Nichts“ in Deutschland. Nun legt die dänische Autorin ein kleines, schmales Buch vor, das es trotz oder gerade wegen des geringen Umfangs in sich hat. Es geht um Krieg. Den meisten von uns nur durch Bilder und Schreckensmeldungen aus entfernten Regionen bekannt. Doch was, wenn er plötzlich mitten unter uns wütet? Was, wenn er uns in kürzester Zeit alles nimmt, was unser Leben bestimmt hat? Was, wenn er uns zu einem heimatlosen Flüchtling macht? „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“.
Erzählt wird aus dem Blickwinkel eines deutschen Jungen, dessen sicheres Leben durch einen Krieg in Europa zerstört wird. Die europäische Union ist zusammengebrochen. Deutschland war aufgrund von Zahlungen für andere Länder ausgestiegen. Die europäischen Staaten bekriegen sich. Ein deutscher, 14-jähriger Junge wird zum Flüchtling und muss mit seiner Familie nach Ägypten auswandern. Ausgerechnet die arabische Welt ist hier die friedliche. Hier ist er ein unerwünschter Fremder. Die Lebensbedingungen sind hart: Sprachhürden, Armut, Hitze.
Dieser Junge, der fiktive Leser des Buches, wird direkt angesprochen. Es ist auch eine Einladung an den realen Leser, gedanklich selbst in diese befremdende Rolle zu schlüpfen. Dies schafft eine Nähe und Unmittelbarkeit, die es unmöglich machen, sich nicht das Beschriebene vorzustellen.
Nach Beendigung des Krieges ist Europa autokratisch, Deutschland nur noch ein Teilstaat unter der Oberherrschaft Frankreichs. Was bleibt ist die Frage nach der Definition von Heimat und ein beklemmendes Gefühl.
Bereits vor 10 Jahren schrieb Janne Teller dieses Buch. Sie selbst entstammt einer österreichisch-deutschen Einwanderer- und Flüchtlingsfamilie und weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, was es heißt, plötzlich aus dem vermeintlich sicheren Leben gerissen zu werden und sich als fremder Flüchtling wiederzufinden. Angesichts aktueller Ereignisse in den nordafrikanischen Staaten hat das Buch, das sich ursprünglich auf die Flüchtlingsdebatte in Dänemark bezog, nichts an Aktualität verloren. Krieg wird immer ein Thema sein, das die Menschen auf dieser Welt beschäftigt und bedroht.
Das Migrations-Thema ist allgegenwärtig, dazu bedarf es keines innereuropäischen Krieges. Dieses Buch ist ein Plädoyer für mehr Respekt und Mitmenschlichkeit, für die Bereitschaft aufeinander zuzugehen, dem Gegenüber Verständnis entgegenzubringen, sich in eine fremde Situation hineinzufühlen und das Leben der anderen nachzuvollziehen, die sich in einer Situation befinden, von der wir, die wir den Luxus, in einer Demokratie zu leben, genießen, alle hoffen, dass sie nie unsere eigene sein wird.
Janne Teller fasst das für uns schier Unvorstellbare in Worte: die Verwandlung des eigenen Lebens in kürzester Zeit in ein Flüchtlingsdasein. Mit wenigen, knappen Sätzen, die eigentlich nur Stichpunkte liefern und nichts detailreich ausschmücken, gelingt es der Autorin, den Leser direkt anzusprechen, ihn aufzufordern, sich in die beschriebene Situation hineinzuversetzen und sich seine eigenen Gedanken zu machen.
Die Illustrationen von Helle Vibeke Jensen regen auch visuell die Vorstellungskraft an und unterstreichen den Inhalt der wenigen Sätze. Ebenso passend ist die originelle Gestaltung des Buches in Form eines Passes, dieses wichtige Dokument, das einem Menschen Identität verschafft und ihn einem Land zuweist, das er womöglich nicht als seine Heimat empfindet.
Dieses gelungene Buch hat man in kürzester Zeit durchgelesen und eignet sich nicht nur als Schullektüre. Es ist ein Appell an uns alle, denen es gut geht und die in Frieden leben, die anderen zu unterstützen, die unverschuldet zu Fremden in einer ihnen nicht vertrauten Welt geworden sind. Denn wie schnell sich das Blatt wenden kann und wir selbst zu Fremden werden können, zeigt Janne Teller in ihrem kleinen, aber feinen Büchlein auf eindrückliche Weise.
Von diesem Buch können wir alle sehr viel lernen. Uneingeschränkt empfehlenswert.
