Vatertage

von

Biographie

288 Seiten (gebunden)
S. Fischer Verlag

Erscheinungsdatum: 10.03.2011

ISBN: 9783100769039

Rezension von

Verfasst am: 05.05.2011

Bewertung:

  • 4/5 Sterne.

Erinnerungen, Beobachtungen und Eindrücke einer erwachsenen Tochter.
Nach Arno Geiger hat sich nun wieder eine deutschsprachige Autorin und Journalistin mit ihrem alt werdenden Vater beschäftigt. Eindringlich schildert sie seinen Umzug in ein Heim für betreutes Wohnen und dem damit einhergehenden Verlust an Eigenständigkeit und Selbstbestimmung.

Erschreckend für alle erwachsenen Kinder und Leser ist dieser Ausstieg aus der Selbständigkeit, der mit Ängsten und dem Verlust von Würde einhergeht.
Die 1969 geborene Katja Thimm wusste wenig bis gar nichts über die ersten dreißig Lebensjahre ihres Vaters und begann erst nach seinem Umzug ins Altenheim sich mit ihm darüber auseinander zu setzen.

Sie begleitet ihren Vater während des Prozesses in die Abhängigkeit und lässt in ihre gegenwärtigen Beobachtungen Vergangenheit und Gegenwart einfließen.
Nur zögerlich nähert sie sich dem Menschen, der ihr im Leben immer recht fremd geblieben ist. Mit eigenen Erinnerungen gekoppelt erforscht sie seine Vergangenheit, die durch frühe Verluste, Flucht und Vertreibung gekennzeichnet war. Das geschädigte Kriegskind von einst tritt in den Fokus.

Mit K. Thimm meldet sich eine Vertreterin der Nachfolgegeneration zu Wort, die wenig von den Ereignissen weiß, denen ihre Eltern in ihrer Jugend ausgesetzt waren oder davon, was ihre Eltern in ihrer Kindheit bedrückt, erfreut oder geängstigt hat.
Dieser Vater ist nach der Flucht vor den Russen aus Ostpreußen in dem östlichen deutschen Nachfolgestaat angekommen, in dem kommunistische Dogmen zu Terror und Gewalt ähnlich wie im Nazireich führten.

Entstanden ist die individuelle Geschichte eines Menschen, der sich vor seiner näheren Umwelt verschlossen hat und dem mit dem Altern die nur unter schwierigsten Bedingungen erworbene Selbstbestimmung verloren geht.

Ein wenig stolpernd springt die Erzählung zwischen den Beobachtungen am Vater, Erinnerungen an eine Polenreise mit ihm und eigenen Erfahrungen in der Kindheit hin und her.

Unter den zahlreichen “Elterngeschichten”, angefangen von Wibke Bruns mit ihrem Buch “Meines Vaters Land” über Arno Geiger mit “Der alte König in seinem Exil” scheint sich z.Zt. eine intensivere Erforschung alter Eltern und ihrer Vorgeschichten Bahn zu brechen. Mit Aufmerksamkeit beobachtet man hier ein neues oder lange verdrängtes Interesse an den komplizierten und oftmals in Not zustande gekommenen Familienbeziehungen, die ohne unsere ungute Geschichtsvergangenheit vielleicht anders verlaufen wären.

Das Erzählte enthält deprimierende Erinnerungen an den Druck, der im Elternhaus von K. Thimm herrschte und an die mangelnde Freude ohne innere Verbundenheit mit dem Vater.

Ähnlich wie Katja Thimm mag es in vielen Familien von Nachkriegskindern ausgesehen haben. Als Zeitzeugnis wird das Buch so manche lebendige Erinnerung auch beim Leser anrühren und ist als weiterer Beleg der Auswirkungen unserer desolaten Geschichte mit ihren Folgen zu betrachten.

Migliedermeinung

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