Demenz: Abschied von meinem Vater

von

biographische Erzählung

144 Seiten (gebunden)
Gütersloher Verlagshaus

Erscheinungsdatum: 10.02.2009

ISBN: 9783579069982

Rezension von

Verfasst am: 19.06.2011

Bewertung:

  • 4/5 Sterne.

Ein langer und schmerzvoller Abschied.

In diesem Buch setzt sich der Autor Tilman Jens mit der Person und der Krankheit Demenz seines Vaters auseinander.
Heftig umstritten wurde in Funk und Fernsehen darüber berichtet.

Wie weit dürfen persönliche Veröffentlichungen über einen demenzkranken Vater gehen?

Der Sohn hat offensichtlich seinen Vater als Übervater erlebt. Zwischen Zweifel und Zuneigung wechselnd sind die Ausführungen von Tilman Jens eine Bilanz über seine Beziehung zu einem Vater, der ihn zuletzt enttäuscht hat; denn mit der Krankheit Demenz einhergehend wird bekannt, dass Walter Jens als junger Mensch zu Ende des Krieges Mitglied der NSDAP geworden war.
Die beginnende Eintrübung des Gedächtnisses bei Walter Jens ist erschütternd genug. Um wie viel mehr musste Tilman Jens Anstoß nehmen an der Aufdeckung seiner Parteizugehörigkeit! Hatte sich Walter Jens doch immer auch als moralische Instanz gegenüber den Kriegsgräueln verstanden.
Warum hat sein Vater sich Zeit seines Lebens geweigert, auf diese dunkle Phase in seinem Leben einzugehen? Nicht DASS er Mitglied der Nazipartei war ist so verstörend, sondern dass er die Mitgliedschaft partout verschwiegen hat, ist für den Sohn so unverständlich. Kritische Beobachtungen von Kindern an ihren Eltern können im herkömmlichen Sinne zur Entidealisierung beitragen! Je höher aber der Sockel ist, auf dem ein Elternteil steht, desto tiefer und unverzeihlicher ist die Enttäuschung nach dem Fall.

So muss man in diesem „Abschied vom Vater“ zwei Stränge erkennen: die Demenzkrankheit mit ihren furchtbaren Folgen für eine ganze Familie, und die Enttäuschung über einen Vater, der nicht das war, was der Sohn in ihm zu sehen meinte. Die Krankheit schockiert, und die dunkle Seite des Menschen und Vaters enttäuscht. In einem Fall ist Mitleid angesagt, im anderen Befreiung aus anhaltender Bewunderung. Dass ein erwachsener Mann in einer öffentlichen Schrift von seinem „Papi“ spricht, zeigt eine Abhängigkeit, die das übliche Maß kindlicher Zuneigung im Erwachsenenalter überschreitet.

Die Abhandlung vermittelt sehr emotionale Momente, lässt Sorge und Bedauern anklingen und man ahnt, wie viel Ungesagtes und nicht mehr Aufzuarbeitendes das krankheitsbedingte Ende der Beziehung zwischen Vater und Sohn bedeutet.

Ich sehe diese Rückschau mit verständnisvollem Blick für den Sohn. Eine Tragödie sind Abschiede und verdämmernde Eltern für Kinder, auch wenn sie schon längst erwachsen sind, allemal!

Migliedermeinung

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