Die intellektuelle Ehe

von

Politik & Gesellschaft

224 Seiten (gebunden)
Hanser

Erscheinungsdatum: 07.03.2011

ISBN: 9783446236547

Rezension von

Verfasst am: 16.07.2011

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Ehe im Wandel!
In diesem sehr stringent verfassten Werk von Hannelore Schlaffer geht es um die Veränderungen, denen das Gesellschaftsbild “Ehe” in den letzten zwei Jahrhunderten ausgesetzt war.

Nicht umsonst beginnt die Autorin ihre Ausführungen mit Fontanes Roman “L’Adultera”, in dem es um einen vollendeten Ehebruch geht und leitet zu “Effi Briest” über, dem bürgerlich-moralischen Gegenstück zum ersten Roman.

Die Geschichte der Ehe hin zu ihrer heutigen Form ist auch eine Geschichte der Emanzipation, wie es im Text formuliert wird.
H. Schlaffer holt weit aus und zeigt einmal die aristokratische und bürgerliche Ehe, die auf Erhalt von Familie und Besitz angelegt war, um bei der modernen Ehe mit allen Begleiterscheinungen von Libertinage anzukommen.
Der schleichende Prozess einer radikalen Veränderung von Ehe und Partnerschaft wird anhand zahlreicher Beispiele aus Werken bekannter Weltliteratur und praktizierten Lebensentwürfen verdeutlicht.

Die ökonomische Sicht der Ehe in der Vergangenheit begann sich nach Recherchen der Autorin mit der Entdeckung der Psychoanalyse um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zugunsten der inhaltlichen Gemeinschaft zu verändern. Das weibliche Individuum trat aus dem Schatten der Partnerschaft.

Hannelore Schlaffer widmet sich zunächst der Gruppe um Max Weber und Otto Gross in Heidelberg, die um 1907 dort die freie Ehe lebten und propagierten. Die beiden galten als Antipoden: war doch Max Weber neben seinen fortschrittlichen Theorien in seiner eigenen Ehe von einer Askese durchdrungen, die offensichtlich in seinem sexuellen Unvermögen begründet lag. Otto Gross hingegen predigte die glückselig machende sexuelle freie Liebe, die er aus einer verstiegenen religiösen Überzeugung vom Paradies herleitet.

Es ging in der Heidelberger Zeit zwar auch um die freie sexuelle Liebe; in erster Linie aber sollten die Beziehungen von Paaren aus der Hierarchie früherer sowohl geistiger als auch ökonomischer Abhängigkeit befreit werden. Für Frauen und Männer boten die neuen Formen der Liebe Gelegenheit zu philosophischen, wirtschaftlichen, ethischen und emotionalen Reflexionen.

In einem weiteren Teil ihres Werkes befasst sich Hannelore Schlaffer mit der frei praktizierten Liebe zwischen Simone de Beauvoir und J. Paul Sartre. Besonders die lebenslange Beziehung dieser beiden boten vielfältige Möglichkeiten, sich den unterschiedlichen Aspekten dieser neuen Liebesform zuzuwenden. Von ihren Theorien beflügelt lebten Beauvoir und Sartre ein Leben, das zwar intellektuell von Bestand war aber dennoch beide zuweilen in tiefe emotionale Krisen führte.

H. Schlaffer zitiert aus bekanten Romanen der Weltliteratur, in denen Eheleben aus verschiedenen Blickwinkeln belichtet wird. Anna Karenina und Madame Bovary sind nur zwei Beispiele aus einer Reihe von Werken, die auf das Leben der Liebenden jener fernen Jahre nicht ohne Einfluss blieben. Schon zu Ende des 18. Jahrhunderts hatte Caroline geb. Michaelis in ihren auf einander folgenden Ehen mit August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schelling neue Maßstäbe gesetzt. Zu nennen sind auch Scott und Zelda Fitzgerald und D.H. Lawrence, der seine Thesen über die freie Liebe in “Lady Chatterley” verewigt hatte.

Dass es sich den vorliegenden Forschungen vorwiegend um intellektuelle Ehen handelte, liegt auf der Hand. Unterlag doch die proletarische Ehe ganz anderen Bedingungen als den hier beschriebenen intellektuellen Ehen.

Mit treffenden Beispielen und Zitaten begründet H. Schlaffer ihre Ausführungen, die in ihrer gründlichen Analyse äußerst klar und eindeutig sind. Der sorgfältige Quellennachweis im Anhang krönt ihr Werk.

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