Der Geschmack von Apfelkernen

von

Roman

356 Seiten (gebunden)
Kiepenheuer & Witsch

Erscheinungsdatum: 25.02.2008

ISBN: 9783462039702

Rezension von

Verfasst am: 27.02.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Als Iris nach Jahren zur Beerdigung ihrer Großmutter Bertha nach Bootshaven zurückkommt, überfallen sie die Erinnerungen an ihre Jugendjahre in diesem Haus.

Sie hat dort mit ihrer Cousine und Freundinnen gespielt. Immer und überall begegnete ihr der Duft von Äpfeln, ihren Blüten und dem Mus, das man aus den saftigen Früchten kochen kann.
Das Knarren der Treppenstufen klingt heute noch so wie damals.
Als Bertha beerdigt wird, treffen ihre drei Töchter zusammen, eine jede mit ihrem besonderen Schicksal.
Christa, die Mutter von Iris, war die Lieblingstochter vom Großvater Hinnerk. Räumlich hat sie sich am weitesten von allen entfernt. Das Heimweh aber verließ sie nie!

Iris gibt mit ihren Assoziationen Einblicke in das Familienleben und erfährt Geheimnisse, von denen sie nichts wusste.
Düfte haben schon bei Proust Erinnerungen an das Paradies der Jugend wachgerufen. Hier ist es der bäuerliche Grund und Boden, die Kräuter des Gartens und die plötzliche Begegnung mit Nachbarkindern aus der frühen Kindheit, die, ursprünglich Dorfbewohner, nun als Anwälte in Erscheinung treten.

Iris ist Bibliothekarin in Freiburg an der Universität geworden.
Ihr Horizont hat sich geweitet und Kindheit scheint nur noch ferne Erinnerung zu sein.
Durch den Tod der Großmutter wird der Sprung zurück in die Jugendzeit versucht.
Melancholisch, nachdenklich und tief steigt Iris in die Vergangenheit ein. So allmählich kommt sie hinter die Geheimnisse ihrer Tanten Harriet und Inga,—und sie lernt den Freund aus frühen Kindertagen näher kennen!
Die zarte Liebesgeschichte, burschikos und schüchtern, belebt die Erzählung von Iris und ihrer Heimkehr in das Reich der Vergangenheit.

Vergessen und Erinnern,- gehören die beiden Eigenschaften nicht zusammen?

Der Autorin Katharina Hagena ist ein anrührender Erinnerungsroman geglückt. Feinfühlig und von Emotionen getragen nähert sich die Protagonistin ihren Erlebnissen, die sie hier in Bootshaven einst hatte.
Im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit wird eine verschollene Welt lebendig. Drei Generationen von Frauen erwachen zum Leben mit ihrem Liebesleid- und ihrer Freude!
In einem Heim ist die Großmuter ihrem Ende entgegen gedämmert. Selten liest man so zartfühlend, wie sich ein alter Mensch in die Dunkelheit des Geistes verliert.

Unweigerlich werden Geheimnisse aufgerührt und verschwimmen mit der Gegenwart. Die Erzählung driftet in eine versponnene und nachdenkliche Atmosphäre hinüber.
Der Geruch und der Geschmack von Apfelkernen, der seltsame Zusammenhang von Stürzen vom Baum und Schicksalen von Frauen in der Familie…Neben der Nachdenklichkeit sind es fast mystisch-komische Ereignisse, die zur Familiengeschichte gehören.

K. Hagena kann schreiben und gefangen nehmen mit ihren phantasievollen Geschichten. Die poetische Sprache gibt der Geschichte einen Zauber, der etwas Altmodisches hat. Das Leben der Vorfahren ist unwiederbringlich Geschichte geworden und die Sehnsucht, Vergangenes noch einmal aufleben zu lassen, gewinnt an Bedeutung.

Einen schöneren Erinnerungsroman und eine so irdisch –gegenwärtige Liebesgeschichte hat man selten mit diesem Einfallsreichtum so erdverbunden und überzeugend dargestellt gelesen.

Migliedermeinung

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