Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben

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Geschichte

528 Seiten (gebunden)
S. Fischer Verlag

Erscheinungsdatum: 05.04.2011

ISBN: 9783100894342

Rezension von

Verfasst am: 03.10.2011

Bewertung:

  • 3/5 Sterne.

Was treibt zivilisierte Menschen unterschiedlichster Herkunft dazu in Kriegssituationen die barbarischsten und grausamsten Taten zu vollbringen? Anhand Abhörprotokolle gefangener Wehrmachtssoldaten rekonstruieren der Sozialpsychologe Harald Welzer und Zeithistoriker Sönke Neitzel die Antwort auf eine Frage, die bis heute nichts an ihrer erschreckenden Unerklärlichkeit verloren hat.

Harald Welzers und Sönke Neitzels SOLDATEN ist kein Buch für eine zart besaitete Leserschaft, eröffnen die “Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben” doch einen weitschweifigen Blick auf die Grauen eines Krieges. Entstanden ist das Werk aus einer Zusammenarbeit des Zeithistorikers Sönke Neitzel mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer, beides Experten für die Ära des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus.

Seinen Anfang nahm dieses Werk im Herbst 2001, als Neitzel gerade als Gastdozent in Glasgow weilte und bei einem London-Besuch, inspiriert durch das Buch Michael Gannons über die Wende in der Atlantikschlacht, nach Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener im britischen Nationalarchiv zu stöbern begann. Doch das dort gehobene 800 Seiten starke Aktenbündel sollte nur der Anfang sein, 2003 veröffentlichte er erste Auszüge, zwei Jähre später eine Edition mit Abhörprotokollen 200 deutscher Generäle, ehe er in den US National Archives einen weiteren Großfund entdecken konnte. Nun waren es schon hunderttausende Seiten, deren Auswertung sich als äußerst langwierig gestalten sollte. Doch anstatt seinen “Schatz” eifersüchtig alleine zu verwalten, holte Neitzel schließlich Harald Welzer hinzu, um die Protokolle nicht nur zu erschließen sondern mit Hilfe dessen Referenzrahmen-Analyse auch gleich zu untersuchen.

Zwar ist Welzers Anteil am Buch immanent und zieht sich wie ein roter Faden durch die Kommentare zu den Protokollen, doch wer sich spätere Wiederholungen lieber gleich erspart, erhält von den Autoren bereits im Vorwort den Vorschlag präsentiert auf Seite 83 weiterzulesen, womit man die Einführung Welzers zum Referenzrahmen (nicht weniger als die sozialen, psychologischen und historischen Hintergründe) überspringen und direkt zu den Protokollen gelangen kann. Wer dann noch die Kommentare ausklammern will, der kann sich auf die durch ihre Arial-Schrift vom Rest des Textes abgesetzten Dialoge konzentrieren. Je nachdem was man von Neitzels und Welzers Buch eben will.

Für Neitzel und Welzer ist SOLDATEN jedoch nur die Fortsetzung bereits geschriebener Werke der letzten Jahre, die einigermaßen hinter den Erwartungen an dieses Buch zurückbleiben kann, falls man diese Werke schon kennt. Für Neitzel ist es der Anschluss zu seinem Buch “Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945”, für Welzer (weil er dadurch wohl auch Neitzels Aufmerksamkeit erregt hat) eine Gelegenheit an “Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden” anzuknüpfen. Dabei hat eindeutig der Zeithistoriker Neitzel die Richtung vorgegeben, nämlich dass sich das Buch vorwiegend einmal mehr mit den Gewaltexzessen der Deutschen Wehrmacht beschäftigt, genau das Thema anhand dessen der Soziologe Welzer mit TÄTER sein bis dato größter Publikumserfolg gelungen ist. Ihre Gemeinschaftsarbeit teilt sich nun das Problem mit Welzers Bestseller, der Titel führt in die Irre und es geht “wieder nur” um die Kriegsverbrechen der Wehrmacht und wie diese möglich geworden sind. Dabei hat Welzer bereits in TÄTER und vor allem KLIMAKRIEGE gezeigt, wie sich die Analyse mittels Referenzrahmen auch auf andere Konflikte anwenden lässt, in TÄTER noch den Vietnamkrieg und in KLIMAKRIEGE etwa den Massenmord an den ruandischen Tutsi. Auch in SOLDATEN beweist Welzer anhand eines Beispiels aus dem Irak-Krieg, wie sich eine Referenzrahmen-Analyse auch auf modernere Konflikte anwenden lässt.

Nun sollte Kritik an Neitzel und Welzers Buch bitte nicht einfach als Verleugnung der im zweiten Weltkrieg begangenen und hier aufgezeichneten Kriegsverbrechen verstanden werden, sondern dass es durchaus technische Aspekte gibt, an denen sich etwas aussetzen lässt. Das fängt schon beim Titel an, der unter “Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben” eben mehr als nur die hundertste Aufarbeitung von Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht erwarten ließe, gerade auch weil die akademischen Hintergründe der Autoren durchaus ein breiteren geschichtlichen Ansatz zulassen würden. Insofern lässt sich festhalten, dass der Titel durchaus irreführen und für an einer weiter gefächerten geschichtlichen Aufarbeitung der Frage “Wieso handeln Soldaten wie sie handeln?” zur Enttäuschung geraten kann. Zu dem gesellt sich dann noch, dass die Protokolle thematisch oft scheinbar ineinanderzufließen beginnen und selbst kurze Passagen oftmals schon ausführlichst kommentiert werden, ohne ähnliche Dialoge zum Vergleich hinzuzufügen. So entsteht auch in manch kritischen Augen der Eindruck, man hätte hier zu wenig für die Quellenauswertung getan und nur ein stark gekürztes Best-of vorgelegt. An den ausführlichen Kommentaren ist ja grundsätzlich nichts auszusetzen, aber die in Arial gehaltenen Protokollauszüge geben doch oft zu wenig her. Es ist dann beispielsweise die Aussage einer Person, an die ein ganzes Thema angehängt wird. Kommt noch hinzu, dass die Gestaltung durch Schriftbild, inhaltliche Gliederung und die Art und Weise wie sich Protokollauszüge an Kommentare fügen eher durchschnittlich gelungen ist. Das klingt nun schlimmer als es ist, soll jedoch nur heißen, dass die Buchgestaltung in mancherlei Hinsicht vielleicht auch besser hätte gelingen können.

Wovon man natürlich beruhigt ausgehen darf ist, dass Neitzel und Welzer mit SOLDATEN erst begonnen haben gemeinsam dieses fruchtbare Feld zu bearbeiten und noch zahlreiche Publikationen folgen werden. Darunter sicher auch solche, die sich auf Spezialgebiete konzentrieren werden.

So wünschenswert es für einen Wissenschaftler wohl sein mag ein Feld mit ergiebigen Quellen gefunden zu haben, über das man die kommenden Jahre publizieren kann, so schade wäre es, wenn Welzer den durchaus immer wieder unterstrichenen allgemeingültigen Geltungsanspruch der Referenzrahmen-Analyse zu marginalisieren, indem er sich nur noch auf Wehrmacht und Nationalsozialismus konzentrieren würde.

In diesem Sinne interessant und vielleicht weiter auszubauendes Thema künftiger Publikationen ist Welzers Aussage “Menschen sind keine Pawlow’schen Hunde.” Womit er festhält, dass zwischen Reiz und Reaktion stets auch eine genuine Identität besteht, die sich nie ganz verdrängen lässt. Auch wenn man die Limitationen des Buchs bemängelt, so ist man doch auch geneigt die positiven, weil sicher auch auf breites Interesse stoßenden Aspekte hervorzuheben. Ein solcher ist etwa die Reduzierung des Tötens auf etwas wie “Counts” und “Skills”, also das Prahlen mit Tötungskunst und Opfer- oder vielmehr Abschusszahlen. Ein Thema, das ja auch angesichts heute medial stark kritisierter Kriege wie in Afghanistan und Irak Niederschlag gefunden hat, wenn in Berichten von der Abgebrühtheit mancher US Soldaten dramatisch hervorgehoben wird. Die “Vergangenheitsbewältigung” als Schlüssel zum Verständnis von Handlungen in der Gegenwart ist jedoch leider kein Konzept, das hier bei Welzer und Neitzel Verwendung findet, es bleibt den Lesern überlassen aus den Berichten der Wehrmachtssoldaten Lehren zu ziehen, die sich auch als Erklärungen für manch “skandalträchtiges” Verhalten moderner Soldaten verwenden lassen. So kann SOLDATEN zwar helfen die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs besser zu verstehen, doch bleibt die Perspektive durch die Quellen sehr eingeschränkt. Einen Gegenwartsbezug erhält SOLDATEN erst mit einem vergleichsweise kurzen Abstecher in das Bagdad des Jahres 2007, wo eine Gruppe Zivilisten Opfer eines US Helikopterangriffs wurde, in dessen Zuge sogar ein zu Hilfe kommender LKW unter Beschuss geriet und zwei Kinder starben.

Die Autoren haben ihr Buch zwar auch in der Vorbereitung darauf geschrieben, dass manche Leser sich nur für einen Teil davon interessieren werden (die Protokolle ohne dazugehörende Kommentare), doch designtechnisch wurde dieser Überlegung nicht wirklich Rechnung getragen, außer durch eine andere Schriftart der Protokollauszüge. Womit man allerdings auch hätte rechnen können, ist, dass Leser unter dem Titel “Soldaten” mehr erwarten dürften als nur Schilderungen damaliger Wehrmachtsangehöriger. Dessen ungeachtet ist Neitzel und Welzer ein sicher interessantes Buch gelungen, darüber, wie zivilisierte Männer unterschiedlichster Herkunft durch einen Referenzrahmen zu den abscheulichsten Taten getrieben werden können. Es sind Zeugnisse des Grauens und doch auch einer erschreckenden Alltäglichkeit, mit der die Überwachten sich etwa zu sexueller Gewalt, Massenmord und semi-öffentlichen Massenerschießungen äußerten.

Harald Welzers Referenzrahmenanalyse ist seit jeher eng mit seiner Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden, die Chance nun über diese hinauszugehen und auf “Soldaten” im Allgemeinen hin auszuweiten und anzuwenden wurde vertan. Kurzum, man hat einen zugkräftigen Titel einfach mal verbraten, denn schon Sönke Neitzels Forschungshintergrund ließe zumindest erahnen, dass sich das Werk vor allem auf die Ära des Zweiten Weltkriegs beschränkt. Natürlich bleibt das Werk dessen ungeachtet ein erschreckendes Porträt des Grauens, aber etwas Kritik sei dennoch erlaubt und an den folgenden Punkten festgemacht:

- Der Titel ist irreführend,
- weil die Untersuchung zeitlich und personell eingeschränkt ist(Wehrmachtsangehörige und Zweiter Weltkrieg)
- Die Gestaltung hätte besser gelingen können.

In anderen Worten, einige der scharfsinnigen Analysen haben bei mir als Leser durchaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen, doch in der Gesamtheit hat mich das Buch auch zu oft wieder verloren. Es sind immer wieder brillante Ansätze, die nicht weiter verfolgt werden und eine Gliederung, die kaum der Rede wert ist. Die Protokolle stehen im Mittelpunkt, nicht zentrale Erkenntnisse, die als Dreh- und Angelpunkt mit Auszügen fundiert werden. Und das ganze leidet unter einer historisch auf fast allein die deutsche Seite des Zweiten Weltkriegs eingeschränkten Perspektive.

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